Bauprojekte für Erdbebensicherheit in Türkei Die Furcht, es könnte Istanbul treffen

Fast 20.000 Menschen starben 1999 bei einem Erdbeben in der Stadt Gölcük, östlich von Istanbul. Weil Viele fürchten, die nächsten verheerenden Erdstöße könnten die Metropole treffen, will die Regierung fast ein Drittel des Baubestands verstärken oder ersetzen. Das geht zu Lasten des historischen Stadtbildes - und der Bewohner.

Von Thomas Steinfeld

An diesem Wochenende ist in der Türkei das Zuckerfest gefeiert worden, mit dem der Fastenmonat Ramadan endet. Der Feiertag markiert zugleich den Beginn des größten Bauprojekts, das es je in diesem Land gab: Bis zu sechseinhalb Millionen Wohnungen und Häuser sollen in diesem Land von Grund auf verstärkt oder gar ersetzt werden, ein Drittel des gesamten Baubestandes.

Zwar erstreckt sich der gesamte Plan auf einen Zeitraum von zwanzig Jahren, doch lässt das Ministerium für Stadtplanung keinen Zweifel daran, dass mit dem Umbau der Türkei sofort begonnen werden wird - und dass der größte Teil des gesamten Vorhabens innerhalb von nur zwei Jahren abgeschlossen sein soll. "Dies ist ein nationales Projekt oberhalb aller Politik", hatte Erdogan Bayraktar, der Bauminister, schon im vergangenen Frühjahr erklärt.

Begründet wird das Projekt vor allem mit dem Risiko, das ein Erdbeben für die vielen Häuser in der Türkei darstellt: Vor dreizehn Jahren, im August 1999, kamen beim Erdbeben von Gölcük knapp zwanzigtausend Menschen ums Leben, fast fünfzigtausend wurden verletzt.

Auf die Bewohner wird nicht viel Rücksicht genommen

Gölcük liegt hundert Kilometer östlich von Istanbul, und weil die Erdbeben der Nordtürkei einer Ost-West-Bewegung folgen, vermuten viele, das nächste Beben werde die Metropole treffen - eine Stadt, in der mittlerweile mehr als dreizehn Millionen Menschen leben. Aus diesem Grund beginnt der Umbau der Türkei in Istanbul. Für die Stadt allein sollen sich die Kosten aller nun beschlossenen Baumaßnahmen auf etwa 100 Milliarden Dollar belaufen.

Betroffen sind - abgesehen von improvisierten Hütten und Gebäuden, für die es keine Genehmigungen gibt - vor allem zwei Typen von Häusern: alte, die zum Teil große historische Viertel bilden wie Tarlabasi in der Innenstadt von Istanbul, sowie Gebäude aus dem frühen Betonzeitalter, die oft nicht hinlänglich armiert sind oder bei denen anderweitig gepfuscht wurde. Und während Erstere radikal restauriert oder durch historisierende Neubauten ersetzt werden, werden bei Letzteren die älteren kubischen Baukomplexe, wie sie sich der Immobilienspekulation als billigste und effizienteste Wohnform angeboten hatten, durch neue Betonwürfel ersetzt.

Auf die Bewohner wird dabei nicht viel Rücksicht genommen: Sollten sie dem Um- oder Neubau nicht zustimmen, droht ihnen ein Strafverfahren. Viele von ihnen werden nicht in ihre alte Umgebung zurückziehen können. Das gilt vor allem für die Bewohner von historischen Vierteln wie Tarlabasi, bei denen sich die bauliche Erneuerung als Gentrifizierung und Auslöschung von Geschichte darstellt: Sie werden sich im Massenwohnungsbau an fernen Stadträndern wiederfinden.

Aber auch die älteren Betonbauten erscheinen als Vernichtung von historischer Substanz. Denn auch sie sind Teil eines Mangels an Planung, die jede Stadt auszeichnet, die nicht aus einem Masterplan entstanden ist. Und ein ästhetisches Konzept, das sich auf den gesamten Umbau der Türkei erstreckte, gibt es nicht.

Stattdessen wird über das Dynamit spekuliert, das man für den Abriss von Hochhäusern braucht: Im eigenen Land gebe es, berichtet die Zeitung Hürriyet, nicht genügend Erfahrung im Umgang mit Sprengstoffen.