Bankenkritiker wird zum Mörder Psychogramm eines Besessenen

Fahndungsbild von Jürgen Hermann von der Landespolizei Liechtenstein

(Foto: AFP)

Der Bankenkritiker Jürgen Hermann nennt sich selbst "Robin Hood" und führt seinen ganz persönlichen Kreuzzug gegen die Bankenwelt. In Liechtenstein soll er den Banker Jürgen Frick ermordet haben.

Von Uwe Ritzer, Vaduz

Sie glauben, dass er tot ist, aber sicher sind sie sich nicht. "Wir gehen von einem Suizid aus", sagt Jules Hoch, Polizeichef von Liechtenstein. "Aber solange der Leichnam nicht gefunden wurde, besteht ein Restrisiko." Also durchkämmten auch am Dienstag Suchtrupps die Rheinauen, Hubschrauber mit Wärmebildkameras kreisten und vorsichtshalber wurden die Sicherheitsvorkehrungen im 35 000-Einwohner-Fürstentum verschärft.

Zum Beispiel wird der Landtag strenger bewacht - es stand sogar im Raum, alle Sitzungen ausfallen zu lassen. Auch die Finanzmarktaufsicht ist stärker abgesichert, jene Behörde, an der sich der Mann abgearbeitet hat, nach dem alle suchen, tot oder lebendig: Jürgen Hermann.

Am Montag soll er Ex-Fondsmanager Jürgen Frick, 48, den Chef der gleichnamigen Liechtensteiner Privatbank erschossen haben. Der Bruder des ehemaligen Liechtensteiner Regierungschefs Mario Frick hinterlässt eine Frau und drei Kinder. Hermann soll ihn mit drei Pistolenschüssen in der Tiefgarage der Bank niedergestreckt haben - das zeigen offenbar Bilder einer Überwachungskamera.

Am Abend fanden Polizisten am Rhein Jacke, Schlüssel, Führerschein, Reisepass, einen Abschiedsbrief und ein Geständnis von Hermann. Von ihm selbst fehlt jede Spur.

Vom System in den Ruin getrieben

Rückblende: Ein sonniger Tag 2008. In einem Straßencafé in Vaduz sitzt Jürgen Hermann und lässt sich über den Finanzplatz Liechtenstein aus. Lauter Verbrecher hätten hier das Sagen, aber denen werde er es noch zeigen, sagt er. Ein eloquenter Mann mit Nickelbrille, in einem Moment unbefangen im anderen misstrauisch.

So erzählt er aus seinem Leben. Wie er es in 18 Jahren in den USA zu einem Vermögen gebracht habe, unter anderem durch die Erfindung eines Tauchcomputers. Strandhäuser in San Francisco und auf Hawaii habe er besessen. "Früher haben meine Familie und ich jedes Jahr locker eine Million durchgelassen", sagt er. Nun aber lebe er von der Substanz.

Denn nach seiner Rückkehr hätten sie ihn in den Ruin getrieben: Die Bank Frick, die Finanzaufsicht, die Regierung, das Fürstenhaus, überhaupt alle in Liechtenstein. Dafür würden sie teuer büßen.

Das Millionendrama begann, als der Elektroingenieur zwei Fonds auflegte: "Silicon Valley Equity" und "Global Equity". Sie investierten im amerikanischen Silicon Valley. An jenem Sonnentag vor sechs Jahren schildert er mit Begeisterung und Verbitterung, wie seine Fonds "weltweit Aufmerksamkeit erregt" und in allen Rankings vorne gelegen hätten.

"Das ist aberwitzig, absurd und ohne Substanz"

Dann habe die Finanzaufsicht "ohne Grund" die Fonds an die Kandare genommen, wegen angeblich zu marktschreierischer Werbung. Als dies bekannt wurde, zogen 2004 viele Anleger ihr Geld ab. Die Fonds krachten zusammen und schließlich wurden sie liquidiert. Hermann gab an, dabei selbst 30 Millionen Schweizer Franken verloren zu haben.

Er sieht sich als Opfer eines Komplotts von Konkurrenten und Neidern. "Das ist aberwitzig, absurd und ohne Substanz", widerspricht damals der nunmehr getötete Bankchef Jürgen Frick. Da hat Hermann bereits eine 200-Millionen-Klage angestrengt und begonnen, sie im Internet und internationalen Medien zu propagieren.

Auf Gesprächspartner wirkt der Jürgen Hermann dieser Zeit sprunghaft und großspurig, ein Mann mit durchaus intelligentem Witz, aber auch maßlos in seiner Wut. Diese steigert sich im Lauf der Jahre zu Hass. Seine Korrespondenz wird immer aggressiver und rutscht oft unter die Gürtellinie. Er zieht vor Gericht und prophezeit kurz vor der Urteilsverkündung einen triumphalen Sieg. Diese Richter hätten nämlich Ahnung. Als er verliert, beschimpft er sie als "Monkey Court".

Robin Hood im Kampf gegen die Finanzmafia

Schon damals wurden Justizangestellte zu Vorsicht gemahnt. Hermann werde immer unberechenbarer. Irgendwann nennt er sich "Robin Hood". Er gegen die Finanzmafia. Aus seinem juristischen Kampf wird ein Feld- und schließlich ein Kreuzzug. Hinter den Kulissen sucht Jürgen Hermann immer wieder Kontakt zum Fürstenhaus und zu Duzfreunden in Regierung und anderen Institutionen Liechtensteins. Doch eine außergerichtliche Einigung ist nicht in Sicht. Die Situation eskaliert.

Jemandem, der seine Methoden in einem Brief als überzogen kritisiert, faxt Hermann das Schreiben erbost zurück. Handschriftlich notiert er darauf: "Wo Unrecht, dort herrscht bald Krieg." Selbst Sympathisanten gehen auf Distanz. "Er ist an sich selbst gescheitert", sagt jemand, der ihn lange und gut kennt.

Und jetzt das spektakuläre Ende, wenn es denn ein Ende ist. Der Rhein ist dort, wo Hermanns Habseligkeiten gefunden wurden, wegen vieler Strudel und Strömungen lebensgefährlich. "Eine Leiche findet man hier höchstens durch Zufall", sagt eine Liechtensteinerin. Manche im Fürstentum sagen, sie glaubten sowieso erst dann an einen Suizid von Jürgen Hermann, wenn dieser bewiesen sei.