Von Marc Widmann

Nach dem Tod von zwei Säuglingen an der Uniklinik Mainz ist für die Polizei entscheidend, wann und an welcher Stelle die Keime in die Nährlösungen geraten sind. Die Klinik unterstützt die Ermittler, will die Frage nach der Schuld aber noch nicht beantworten.

Hier liegen die schwächsten der Schwachen. Winzige Säuglinge, als Frühchen auf die Welt gekommen oder mit Herzfehler, manche wiegen nicht einmal ein Kilogramm. Die Ärzte auf der Intensivstation der Mainzer Uniklinik ernähren sie mit Infusionslösungen aus Zutaten wie Magnesium, Kohlenhydraten und Wasser. Mehr als 90.000 Mal haben sie solche Lösungen schon zusammengemischt. Es ist reine Routine. Doch nun sieht es so aus, als sei dabei ein schrecklicher Fehler passiert. Zwei Babys starben am Samstag. Einem dritten ging es am Montag so schlecht, dass Norbert Pfeiffer das Schlimmste befürchtete. "Wir sind zwischen Hoffen und Bangen", sagte der Medizinische Leiter der Uniklinik.

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Freitagabend wurden den Babys die Infusionen gelegt; die ganze Nacht über tröpfelten die verunreinigten Nährlösungen in die kleinen Patienten: die Mainzer Uniklinik am Sonntag. (© DAPD)

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Viele ducken sich weg in solchen Situationen, aber Pfeiffer telefoniert bis spät in die Nacht mit Journalisten. Er versucht zu erklären, was er selbst nicht verstehen kann. Sicher ist bislang nur, dass in den Infusionen für die Babys der Fäkalkeim Enterobacter cloacae gefunden wurde, auch im Blut von zwei der betroffenen Kinder. "Der Keim kommt im menschlichen Darm vor, aber wenn er an die falsche Stelle kommt, ist er krankheitserregend." Das sagt Professor Pfeiffer, ein gelernter Augenarzt, und versucht nicht, die Verantwortung wegzuschieben. Er sagt offen, er halte es für wahrscheinlich, dass die Infusion in seiner Klinik mit dem Keim verunreinigt wurde. Nicht schon vorher, bei den Lieferanten.

Wann kam das Bakterium in die Nährlösung?

Es war am Freitagnachmittag gegen 13.30 Uhr, als sich die Mitarbeiter in der Klinikapotheke wie jeden Tag daran machten, die Lösung zusammenzumischen. Dies geschieht in einem sogenannten Reinraum: Die Luft ist technisch gefiltert, die Mitarbeiter tragen zwei Paar Handschuhe, die sie alle 20 Minuten wechseln, obwohl die Vorschrift nur alle 30 Minuten verlangt. Mit einer kleinen Maschine mischen sie die neun Zutaten, füllen sie in Infusionsbeutel. Die viel zu großen Flaschen für Erwachsene können sie nicht einfach übernehmen, jedes Kind bekommt je nach Gesundheitszustand und Größe seine eigene Mischung. Vieles passiert automatisch, aber am Anfang müssen die Mitarbeiter an der Maschine einige Schläuche zusammenstecken. Von Hand. Kam dabei das Darmbakterium in die Nährlösung?

Das prüft nun die Mainzer Staatsanwaltschaft. Sie ermittelt wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung, im ersten Fall drohen bis zu fünf Jahre Haft, im zweiten bis zu drei Jahre. Schritt für Schritt rekonstruieren die Fahnder nun den Weg der Infusion durch die Klinik. Als Erstes werden die Grundzutaten der Lösung mikrobiologisch untersucht, sagt Behördenleiter Klaus-Peter Mieth. Es sei ja denkbar, dass sie schon mit dem Keim belastet angeliefert wurden. Als Nächstes werden die Schläuche aus der Mischmaschine analysiert.

Gegen 17 Uhr am Freitag wurden die Infusionen auf der Intensivstation den Babys gelegt. Die ganze Nacht über tröpfelten sie in die kleinen Patienten, oft in winzigen Mengen. Ein Kind erhielt nur 30 Milliliter, was gerade einer Espressotasse entspricht. Alle Kinder waren schon schwerkrank, bevor sie die Flüssigkeit bekamen. Eines hatte auf Wunsch der Eltern von einem Priester bereits die Krankensalbung erhalten.

Schon in der Nacht verschlechterte sich der Zustand der Säuglinge, und noch dramatischer war er am Samstagmorgen. Die Ärzte waren anfangs der Meinung, das liege an den Erkrankungen der Kinder. Erst später setzten sie die Infusionen ab, mittlerweile waren elf Kinder betroffen, wie Ermittler Mieth berichtet.

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  2. Zu früh für die Frage nach der Schuld
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