Badesaison In Berlin gibt es das Verbot nicht - weil man es nicht kontrollieren kann

Bei Müttern, Vätern und manchen Hobbyfotografen stoßen die Einschränkungen jedoch schon länger auf Widerspruch. Eltern, die den Nachwuchs beim Schwimmkurs filmen wollen, können nicht verstehen, warum sie keine Fotos am Beckenrand machen dürfen - Familien-Internetforen sind voll von derartigen Beschwerden. Auch der Offenbacher Bad-Chef André Kühner erwartet in den Sommertagen heftige Debatten über das Fotografierverbot. Wie man mit dem verständlichen Wunsch nach Familienfotos umgehen werde, müsse noch geklärt werden, sagt er.

Langwierige Debatten sollen aber vermieden werden, schließlich müssen die Schwimmmeister sich ja vor allem um den Schutz der Gäste im Wasser kümmern. Es dürfte ziemlich schwierig werden, die Regel an einen brütenden Wochenendtag durchzusetzen, wenn schon mal 3000 Gäste im Schwimmbad sind. Kühner sagt, das kriege man hin. Schließlich gebe es gelegentlich auch zusätzliche Sicherheitsleute, die die Augen offenhielten.

Und dann wird André Kühner nostalgisch: Ach, die Zeiten, in denen es keine Handys und digitalen Unfug gab. Im vergangenen Jahrhundert muss das gewesen sein, als ein dezenter Duft von Piz-Buin-Sonnencreme über den Rasen schwebte, Kinder belegte Brote aßen, die Schulen für anständige Schwimmkurse sorgten und das Wort eines Bademeisters noch galt. In jener goldenen Bade-Ära genügte schon ein Blick der Aufsicht, damit der Besitzer eines quäkenden Kofferradios den Ton leiser drehte.

Ein Hinweis am Nacktbadestrand auf Sylt 1964.

(Foto: Gerhard Leber/imago)

Die Schwimmbadsitten haben sich eben verändert. Immer wieder ist von Klagen von Bademeistern zu hören, dass viele Kinder nicht oder nur schlecht schwimmen können. Und Joachim Heuser von der Gesellschaft für das Badewesen, einer Art Beratungsorganisation für die Branche, hört vom Beckenpersonal häufig Empörung über jene Eltern, die den Nachwuchs nicht im Auge behielten. "Dann hat man ein Kind vor dem Ertrinken gerettet und muss die Eltern erst noch suchen", sagt Heuser.

Hinzu kommt, dass in vielen Städten die finanziellen Mittel für das Personal im Schwimmbad fehlen - was wiederum ein Grund sein dürfte, weshalb Berlin in Sachen Privatfotos einen Sonderweg geht. Anders als im Rest der Republik fehlt in der dortigen Badeordnung der Hinweis auf die Unzulässigkeit von Aufnahmen Dritter. Man wolle nur Regeln aufstellen, die man auch durchsetzen könne, sagt Bäder-Sprecher Matthias Oloew. Das sei keine "Kapitulationserklärung", fügt er sicherheitshalber gleich hinzu. Es gebe Durchsagen in den Bädern, auf Fotos zu verzichten, vielleicht würde man auch auf Plakaten dafür werben.

Für die Bademeister Berlins ist das eine gute Nachricht: Sie müssen in diesem Sommer - außer dass sie Nichtschwimmer und Schwimmer beobachten, Kindern das Springen vom Beckenrand verbieten und die Wasserqualität kontrollieren - nicht auch noch nach unverklebten Smartphone-Linsen Ausschau halten.

Im Herbst werden die Freibäder Bilanz ziehen. Und sich, spätestens dann, vermutlich gleich auf eine neue Regel vorbereiten, ganz nach dem Vorbild der Bodensee-Stadt Konstanz. Dort sind seit der vergangenen Saison Drohnenflüge über den Bädern verboten.

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