Seit Sonntag ist im sauerländischen Wenden das Grauen eingezogen. In der beschaulichen Gemeinde fand ein 18-Jähriger in der Tiefkühltruhe seiner Mutter die Leichen dreier Babys.
Die Kiesel sind so weiß, dass es wirkt, als leuchteten sie in der Mittagssonne. Sie können noch nicht lang in diesem Beet liegen, das sich an der Hausmauer entlangzieht, auf ihnen stehen zwei Säcke mit weiteren Kieseln, als sei hier gerade jemand mit der Arbeit fertig geworden und dann nicht mehr dazu gekommen, die Säcke dort zu verstauen, wo sie hingehören.
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Eine Polizeiabsperrung vor dem Haus, in dem in einer Tiefkühltruhe drei Babyleichen gefunden wurden. (© Foto: AP)
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Ansonsten aber ist rund um das Haus in der Römerstraße Nummer 7 alles, wo es hingehört: die leuchtenden Kiesel, die zwei Mopeds und das Motorrad, die Vergissmeinnicht im Beet an der Rückseite und die Deutschlandflagge an der vorderen Fassade. Alles, so sieht es von außen aus, ist so, wie es im Dörfchen Möllmicke, Gemeinde Wenden, Kreis Olpe, immer war: in Ordnung. Seit Sonntagabend ist es damit vorbei, seitdem wirkt die Ordnung fast zynisch. Weil man nun weiß, dass im Keller von Nummer7 das Grauen lag, zwei Jahrzehnte lang.
25 Jahre verheiratet
Am Sonntagabend hat die Polizei dort die Leichen dreier Neugeborener gefunden, in einer Tiefkühltruhe in der Waschküche. Eines der toten Babys war in eine Zeitung gewickelt, die im Dezember 1988 gedruckt wurde. Vermutlich wurden die anderen Kinder vor ähnlich langer Zeit geboren, es handelt sich offenbar nicht um Drillinge. Inzwischen gibt es wegen des Verdachts auf Totschlag einen Haftbefehl gegen die Mutter. Totschlag verjährt erst nach 20 Jahren.
Wie die Neugeborenen gestorben sind, soll die Obduktion in der Dortmunder Gerichtsmedizin ergeben, die frühestens an diesem Dienstag möglich ist. Die Leichen müssen erst noch auftauen. Es sei "möglich", dass die Kinder getötet wurden, hieß es bei der Polizei. Unter Verdacht steht bislang nur die 44 Jahre alte Mutter. Nach "übereinstimmenden Angaben" der Familienmitglieder, so die Ermittler, habe nicht einmal ihr Mann, ein 47 Jahre alter Elektriker gewusst, dass sie vor zwei Jahrzehnten offenbar dreimal schwanger war. Die beiden sind seit einem Vierteljahrhundert verheiratet. Seit 1984 leben sie in der rechten Hälfte des Fachwerkhauses in der Römerstraße.
Drei lebende Kinder haben die beiden, ihre Tochter ist 24 Jahre alt, studiert und lebt nach Angaben der Nachbarn nicht mehr dauerhaft in Möllmicke, Sauerland. Nach bisherigem Stand aber war sie am Samstag dort, zusammen mit ihrem jüngsten Bruder, 18. Die Eltern waren zu einem Kurztrip im Schwarzwald, als Bruder und Schwester am Nachmittag Hunger bekamen. Für die Küche war offenbar stets die Mutter zuständig; als Hausfrau verwaltete sie wohl auch die Tiefkühltruhe. Als der 18-Jährige sie nun öffnete, um eine Pizza zu holen, fiel ihm auf, dass sehr viele der Lebensmittel abgelaufen waren, teils seit den neunziger Jahren. Er muss dann beschlossen haben, die Truhe auszumisten, warf weg, was abgelaufen war, wühlte immer tiefer. Bis er auf drei Tüten am Boden stieß. In einer fand er die Leiche eines Neugeborenen, gewickelt in ein Handtuch.
Die anderen Tüten öffnete er nicht, sondern räumte die Truhe teilweise wieder ein. Am nächsten Tag trafen die Eltern zu Hause ein, ihre Tochter stellte sie zur Rede. Um viertel vor acht am Abend trafen Vater, Mutter sowie die Tochter bei der Polizei in Olpe ein und erzählten von den Leichen. Nachdem eine Streifenwagenbesatzung den Inhalt der Tiefkühltruhe gesehen hatte, verständigten die Beamten die Mordkommission Hagen.
Die 44-Jährige, so berichteten es die Ermittler am Montag, habe sich auf der Wache "nur fragmentiert" äußern können, zwischen Weinkrämpfen habe sie "immer wieder mal ein kleines Häppchen" preisgegeben. Obwohl sie nicht zusammenhängend sprechen konnte, sei klar geworden, dass sie sich "sehr schuldig" gefühlt habe. "Man sah ihr ihre Notlage an", so sagte es einer der Beamten. Aus ihren bisherigen Äußerungen geht laut Polizei hervor, dass sie die drei Kinder geboren hat; zudem soll sie ausgesagt haben, die Leichen auch in die Kühltruhe gelegt zu haben. Inzwischen wird sie, wie die gesamte Familie, psychologisch betreut; sie soll derzeit nicht mehr in der Lage sein, sich zu äußern.
"Eine nette Familie"
Nach ersten Gesprächen habe man den Eindruck, "dass die Familie noch sehr zusammenhält", sagte einer der Ermittler - was unfassbar klingt, sofern man wie die Polizei davon ausgeht, dass der Ehemann tatsächlich all die Jahre nichts gewusst hat. Dafür spricht nach dem bisherigen Stand der Ermittlungen, dass die Schwangerschaft mit einem der drei lebenden Kinder erst sehr spät bemerkt wurde; zudem berichten Nachbarn, dass die Frau sehr korpulent gewesen sei. Und so ist es offenbar möglich, dass nicht nur rund um das Haus mit der Nummer 7 stets alles so zu sein schien, wie es sein sollte, sondern auch drinnen, wo drei Kinder zu Jugendlichen und dann zu jungen Erwachsenen wurden - ohne je auf den nicht vorstellbaren Gedanken zu kommen, unter diesem Dach, immer in der Nähe, könnten die Leichen dreier Kinder liegen, die zumindest ihre Halbgeschwister gewesen sein dürften.
Vor dem Haus steht am Montagmittag Alexandra Stracke, 26. Sie wohnt in der Nummer 10, schon immer, sie erzählt, dass sie als Kind zum Spielen manchmal in der Nummer 7 gewesen sei. Und sie sagt, was sinngemäß alle Nachbarn sagen: Dass man all das nicht glauben könne, dass es "eine nette, freundliche Familie" gewesen sei. Dass man nichts, aber auch gar nichts gemerkt habe. Neben ihr steht eine alte Frau. Sie sagt, dass man ihr doch eines der Kinder hätte bringen können. "Ich hätte es schon aufgezogen. Es gibt doch nichts Schöneres."
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(SZ vom 06.05.2008/dgr)
Erstens ist die Tat von Josef F ein ganz anderes Kaliber, sowohl im vermutlichen Motiv als auch in der Grausamkeit unterscheiden sich beide.
Zweitens: Ihr Lieblingsthema "Wegschauerbeschuldigung" - dass ich nicht lache. Also ob SIE erkennen würden, wenn eine (korpulente) Frau schwanger ist. Und: waren Sie schonmal auf dem Grunde Ihrer Kühltruhe?
Nachdem wir jetzt seit ca. 10 Tagen in die Abgründe der nach aussen ach so heilen netten Familie in Amstetten schauen, haben wir hier in Deutschland den Fall einer auch so heilen netten Familie. Diesmal sitzt das Grauen nicht im Verlies, sondern liegt in der Tiefkühltruhe.
Erschreckende Parallelen tun sich auf: Drei Kinder - diesmal wollte von deren Entstehung und Verschwinden niemand, aber auch gar niemand etwas mitgekriegt haben. Und der Ort des Grauens - diesmal war es die mutmaßliche Täterin, die kraft ihrer Autorität verhindert hat, dass im Laufe von 20 Jahren mal jemand zum Grund der Tiefkühltruhe vorgedrungen wäre.
Für das öffentliche Österreich mag es eine gewisse Erleichterung bedeuten, dass nun auch beim großen deutschen Bruder ein Fall "Amstetten" eingetreten ist. Für uns alle bedeutet es, dass Wegschauen und Verdrängen ein Fakt ist, der nicht durch nationale Grenzen eingezäumt werden kann.
Das ist überhaupt nichts Ungewöhnliches, sondern etwas Natürliches. Dass das jetzt deplaziert wirkt und angesichts des familiären Dramas befremdet, ändert daran nichts. Mir tun die KInder leid, ich hoffe, sie hatten einen leichten Tod. Der Familie gilt mein Mitgefühl.