Gewalt in Köln Wie Eskalation funktioniert

Frauen wurden sexuell belästigt und augeraubt - eine geplante Eskalation.

(Foto: dpa)

Der Begriff "sexuelle Übergriffe" wird den Vorgängen an Silvester in Köln nicht gerecht. Es ging um Gewalt und Macht.

Gastbeitrag von Wilhelm Heitmeyer

Es mag überraschen, aber was in der Silvesternacht in Köln geschehen ist, muss erst einmal angemessen benannt werden. Begriffe erzeugen Realität und bestimmen die Richtung, in der nach Ursachen gesucht wird. Vielfach schreiben Medien von "sexuellen Übergriffen". Dieser Begriff wird den Vorgängen nicht gerecht. In Wirklichkeit geht es um Gewaltandrohung oder Gewalt zur Machtdemonstration. Es ist eine Verletzung der beiden basalen, nicht verhandelbaren Grundwerte dieser Gesellschaft: der Sicherung der Gleichwertigkeit der Menschen sowie der psychischen und physischen Unversehrtheit.

Prominente Politiker sprechen auch von "organisierter Kriminalität". Auch diese Suchrichtung führt in die Irre. Organisierte Kriminalität hat klare Strukturen, harte Hierarchien, streng verdeckte Abläufe, vermeidet Öffentlichkeit und zielt auf materiellen Gewinn. Stattdessen gab es in Köln Strukturlosigkeit mit gemeinsamem Hintergrund. Dieser bestand darin, dass über soziale Medien menschenfeindliche Gewaltakte zur Demonstration von Macht verabredet wurden. Anders ist die Gleichzeitigkeit des Auftretens (auch an anderen Orten) nicht zu erklären.

Zum Autor

Wilhelm Heitmeyer, 70, ist ehemaliger Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld.

Ein zentraler Faktor ist die Masse

Wer Ereignisse wie in Köln wissenschaftlich untersuchen will, muss mehrere Faktoren des Zusammenwirkens bei der Eskalation berücksichtigen. Ein spezifischer Faktor ist der Termin, im vorliegenden Fall also Silvester. Zu den Charakteristika von Silvester gehört Lärm, der dazu führt, dass Hilfeschreie überhört oder falsch interpretiert werden. Auch die Selbstverständlichkeit des Alkoholkonsums und die damit einhergehende Lockerung oder Auflösung von Regeln gehören dazu.

So entstehen besondere Gelegenheitsstrukturen, zumal dann, wenn durch die Menge ein verdichteter Raum zum schnellen Körperkontakt entsteht und dieser Raum dunkel oder nicht hinreichend ausgeleuchtet ist. Solche Gelegenheitsstrukturen lassen sich durch Täter nicht beliebig oft herstellen.

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Ein ganz zentraler Faktor ist die Masse. Nach allem, was bekannt ist, muss es die schon erwähnte Verabredung über die neuen Kommunikationsmittel gegeben haben, um eine kritische Masse zu erzeugen. Sie entsteht dann, wenn die Relation zu Polizei, Bundespolizei und dem nur mit wenigen Befugnissen ausgestatteten Sicherheitsdienst der Bahn sichtbar ungünstig ist. Zu wenig Polizei ermuntert zur Eskalation: zu viele Männer auf begrenztem Raum, mit latentem Gruppenbewusstsein und ähnlichen Ansichten.

In dieser Masse kommt es in der Regel zu einer Diffusion von Verantwortung, die von Alkohol befördert wird und sich etwa durch den Beschuss von Menschengruppen mit Silvesterraketen ausdrückt. Die Masse bietet auch Schutz vor individueller Strafe, besonders wenn Zeugen fehlen und schnelle Fluchtwege zur Verfügung stehen. Über die Masse kann auch die - insbesondere von Flüchtlingen fremder Herkunft - im Alltag häufig erfahrene individuelle Ohnmacht in kollektive Allmacht verwandelt werden, besonders dann, wenn ein Opfermythos kultiviert und endlich männliche Stärke demonstriert werden kann. In der Eigengruppe gewinnt man Anerkennung, bei der Fremdgruppe erzeugt man Angst.

Dies gilt umso mehr, wenn die Täter aus Kulturen stammen, in der die Ungleichwertigkeit von Frauen normal ist und spezifische Akte gegen Frauen bei gruppenspezifischer Unterstützung (unter anderem zum Schutz der Täter) bereits in Herkunftsgesellschaften dazugehörten, wie etwa in Ägypten. Dies ist eine notwendige Bedingung für die Gewaltakte (weil weibliche Opfergruppen markiert sind), aber es sind keine hinreichenden Bedingungen dafür.

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