Anti-Drogen-Kampagne in Dresden Karriere und Kinder? Schaffen wir ohne Crystal!

Vater, Mutter, Kinder - aufgereiht wie die Bremer Stadtmusikanten. Mit diesem Motiv warnt Dresden vor Crystal Meth. Die Stadt hat die Zielgruppe bewusst gewählt.

Von Oliver Klasen

Sechs junge Menschen beim Feiern, breit grinsend, drei von ihnen mit einer - je nach Standpunkt coolen oder albernen - Sonnenbrille. "Das ganze Wochenende feiern können wir ... ohne Crystal! Und Ihr?", steht auf dem Plakat, das in der Dresdner Innenstadt an vielen öffentlichen Plätzen hängt. Die Botschaft: Partys ohne Drogen sind möglich. Um Spaß zu haben, muss man nicht zugedröhnt sein. So weit, so normal, das kennt man von vielen Anti-Drogen-Kampagnen. Doch die Stadt Dresden hat noch ein zweites Plakat aufhängen lassen - und das sorgt für Irritationen.

Zu sehen ist eine Familie, offensichtlich im trauten Heim vor dem Sideboard. Vater, Mutter, zwei Kinder. Der Mann trägt ein königsblaues Shirt, die Farbe, die Bundestrainer Joachim Löw bei der Weltmeisterschaft 2010 in Mode brachte, und die Familie ist aufeinandergetürmt wie Fußballer beim Torjubel. Oder wie die Bremer Stadtmusikanten. Dazu heißt es: "Karriere, Kinder, Haushalt? Schaffen wir ... ohne Crystal. Uhr ihr?"

"Abschreckung ist nicht unser Ansatz"

Moderator Jan Böhmermann hat das Plakat entdeckt - und wundert sich auf Twitter darüber. Auch andere User streiten im Netz erbittert darüber, ob das Motiv seinen Zweck erfüllt oder nicht. Was haben Eltern mit einer Partydroge wie Crystal Meth zu tun, die Schlafbedürfnis und Schmerz unterdrückt, euphorisiert und sexuell enthemmt - auf der anderen Seite aber extrem schnell abhängig macht und bei längeren Konsum zu starkem körperlichen Verfall führt?

"Wir wollten provozieren", sagt Kristin Ferse, die Suchtbeauftragte der Stadt Dresden, die die Plakataktion verantwortet. Das Bild mit der Familie sei - neben dem Party-Motiv - ganz bewusst ausgewählt worden, weil man damit eine Zielgruppe habe ansprechen wollen, die bisher von der Drogenberatung kaum erfasst werde. "Die ersten Entwürfe für die Plakate waren Abschreckungsbilder. Ausgefallene Zähne, zerkratzte Haut, solche Sachen", sagt Ferse. "Aber das war für uns nicht der Ansatz, weil wir glauben, das Abschreckung nicht funktioniert", so die Suchtbeauftragte.

Dresden - nur etwa 50 Kilometer von der tschechischen Grenze entfernt - gilt als Stadt, in der der Crystal-Konsum weit verbreitet ist. Vor einigen Wochen hatten mehrere Medien über eine Studie berichtet, bei der die Forscher während einer Woche im Jahr 2013 Drogenrückstände in Abwasser analysiert haben. Die Werte für Kokain und Cannabis waren in Dresden vergleichsweise niedrig, bei Crystal Meth liegt die sächsische Hauptstadt allerdings hinter Oslo auf Platz zwei.

Crystal-Konsum nimmt gerade unter Müttern und Vätern zu

Die Kampagne habe mit der Studie nichts zu tun, sagt Ferse. Seit Monaten arbeite man bereits daran. Im vergangenen Jahr habe Alkohol - "immer noch die gefährlichste Droge", wie sie sagt - im Mittelpunkt der Präventionsarbeit gestanden, in diesem Jahr konzentriere man sich eben auf Crystal Meth.

Was die Zahlen angeht, orientiert sich die Suchtbeauftragte an den Daten über Krankenhausaufenthalte infolge von Drogenkonsum. "Das sind die einzig halbwegs objektiven Zahlen", sagt Ferse. Insgesamt kamen in Deutschland - die neuesten Daten stammen von 2013 - 5810 Menschen wegen Crystal in stationäre Behandlung. Die Werte für Sachsen (827 Personen) sind sehr hoch im Vergleich zu Nordrhein-Westfalen (1211 Personen), wo fast viereinhalb Mal so viele Menschen leben.

Todesfälle durch Legal Highs nehmen zu

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Die Erfahrungen zeigten, dass der Konsum von Crystal gerade unter Müttern und Vätern zunehme. Nachdem die Plakate an diesem Dienstag aufgehängt wurden, habe sie zahlreiche Rückmeldungen bekommen, die das bestätigen, sagt Ferse. Weil Crystal zunehmend abseits der Partyszene etabliert ist und beispielsweise auch von jungen Frauen konsumiert wird, die sich mit der Dreifachbelastung aus Job, Familie und Haushalt überfordert sehen, überlegt die Stadt Dresden jetzt sogar, eine stationäre Drogen-Entgiftungsstation für Mütter und Kind einzurichten.

"Wenn man oberflächlich denkt, könnte man glauben, wir verstärken den Druck noch und fördern ein perfektes Familienbild", sagt Ferse. Doch die Suchtbeauftragte will etwas anders: Ein Gespräch ermöglichen, über die Anforderungen des Alltags und die Verlockungen, die Drogen dabei vermeintlich bieten. Das Thema Crystal soll enttabuisiert werden. "Unser Ziel ist erreicht, wenn darüber diskutiert wird", sagt Ferse.

Zumindest das dürfte gelungen sein.

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