Der Fall Amstetten folgt bizarren psychologischen Mechanismen, sagt Trauma-Arzt Ulrich Sachsse. Oft richte sich die Wut sexuell missbrauchter Kinder nicht nur gegen den Vater, sondern auch gegen die Mutter, die nicht hilft.
Ulrich Sachsse ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Asklepius Fachklinikum Göttingen. Er behandelt Patienten, die unter schweren Traumata leiden.
Bild vergrößern
Behandelt Trauma-Patienten: Ulrich Sachsse (© Foto: privat)
Anzeige
SZ: Laut Polizeilicher Kriminalstatistik werden jährlich etwa 20000 Kinder sexuell missbraucht, die meisten von nahen Angehörigen. Die Dunkelziffer liegt weit höher. Warum vergewaltigen Väter ihre Kinder?
Ulrich Sachsse: Oft haben diese Täter Schwierigkeiten mit eigenständigen, selbstbewussten Frauen. Aber warum dann ein Mann eine junge, unterwürfige Frau heiratet und ein anderer seine eigene Tochter vergewaltigt, das ist wissenschaftlich noch nicht zu beantworten.
SZ: Nun hat Josef F. in Amstetten eine Tochter mehr als 30 Jahre lang missbraucht, die dabei gezeugten Kinder aber nicht. Ist es ein wiederkehrendes Muster, dass ein Kind quasi ausgesondert wird?
Sachsse: Sofern sich ein Kind entzieht, ist es leider oft so, dass dann die jüngere Schwester dran ist und sich die Sache in der Familie fortsetzt. Wenn es Elisabeth F. geschafft hätte, mit 17 abzuhauen, hätte sich der Vater womöglich einem anderen Kind zugewandt. Aber dadurch, dass er Elisabeth eingesperrt hat, hat er sie auf Dauer für sich gesichert.
SZ: 90 Prozent aller Mütter schauen laut Statistik weg, wenn ihre Männer die Kinder missbrauchen. Auch Rosemarie F. hat nach eigenen Angaben nie etwas gemerkt - auch nicht vom fortwährenden Missbrauch der eigenen Tochter vom 11. Lebensjahr an. Was passiert da?
Sachsse: Menschen haben die Tendenz, Dinge auszublenden, die sehr schwierige Handlungen erzwingen würden. Zehn Prozent der Frauen stellen ihren Mann aber zur Rede, schmeißen ihn raus. Leider geschieht das viel zu selten.
SZ: Warum obsiegt nicht der mütterliche Schutzinstinkt über das Bedürfnis, den Alltag zu retten?
Sachsse: ... den Alltag zu retten, die Liebe zum Mann zu retten, die Familie zu retten... Schon ab zehn, zwölf Jahren wird das Kind nicht mehr als Kind wahrgenommen, der Mutterinstinkt nimmt dann, biologisch gesehen, ab. Allerdings kenne ich Urteile, in denen die Mutter mit verurteilt worden ist, weil sie sich nicht schützend vor die Tochter gestellt hat.
SZ: Gibt es so etwas wie eine Aggression der Mutter auf die Tochter aus Eifersucht heraus?
Sachsse: In Schneewittchenmanier wird nicht selten die Tochter von der Mutter angegiftet, dass sie ihr den Mann ausspanne. Da laufen neidvolle Mutter-Tochter-Prozesse ab, die Anderes überlagern. Eine bittere Erfahrung für das Opfer.
SZ: Und wie gehen Kinder damit um, dass die Mutter nicht hilft? Das muss doch ein traumatisches Erlebnis sein.
Sachsse: Ein Drittel meiner Patientinnen empfinden mehr Wut und Enttäuschung gegenüber der nicht schützenden Mutter als sie gegenüber dem Täter empfinden. Ich arbeite seit mehr als einem Jahrzehnt mit traumatisierten Frauen und habe ein einziges Mal eine Mutter erlebt, die sich damit differenziert auseinandersetzte. Die erklärte, dass sie Angst vor einer Scheidung hatte, den Inzest nicht wahrhaben wollte.
SZ: In allen anderen Fällen haben sich die Mütter Ihrer Patientinnen nicht zu ihrem Fehlverhalten bekannt?
Sachsse: Das ist die absolute Ausnahme. In Inzestfamilien gibt es keine Aufarbeitung innerhalb der Familie. Fast immer wird das Opfer ausgegliedert, die Familie rückt zusammen. Üblich ist das Muster, dass die Familie sagt: Das muss doch mal vorbei sein, was tust du uns damit an, das ist doch schon alles so lange her.
SZ: Das Opfer wird zum Schuldigen?
Sachsse: Ja, und dazu kommt: Es gibt keine Familientherapien für Inzestfamilien. In Kalifornien gibt es die Alternative, dass Täter entweder zu Gefängnis oder zu Familientherapie verurteilt werden können. Aber selbst diese Therapien laufen nicht gut; sie sind eine jahrelange Hakelei mit Ausreden und Lügen. Täter bekennen sich nur selten zu ihren Taten.
SZ: Welche Erklärung oder Ausrede haben die Täter?
Sachsse: Es gibt die Pädosexuellen, die behaupten, Sex sei doch für das Kind sehr schön und erfüllend. Ich habe aber noch nie von einem Opfer gehört, das die Sexualität mit dem eigenen Vater als befriedigend empfand. Die andere Gruppe agiert nach dem Motto: Frauen stehen zur Verfügung, ich habe ein Recht darauf, mein Kind gehört mir.
SZ: Was passiert in der Seele eines Kindes, das vom Vater missbraucht wird?
Sachsse: Das löst eine ungeheure Konfusion aus. Kinder verstehen Sexualität nicht, aber wenn dann Testosteron und Östrogen kommen, wenn die Pubertät einsetzt, dann wird die ganze Kindheit umgedeutet. Als Pubertierende verstehen die Opfer, was da geschehen ist, dann fühlen sie sich ausgegrenzt, verzweifelt, verloren.
"Leben, das ist Bewegung": Felix Grützner tanzt auf Beerdingungen, um an die Verstorbenen zu erinnern und Raum für Gefühle zu schaffen. Jetzt lesen ...
- Inzest-Fall in Amstetten Alles kommt ans Licht 01.05.2008
- Drama von Amstetten Josef F. drohte seinen Opfern mit Gas-Tod 01.05.2008
- Drama von Amstetten Gefangene bei Keller-Kontrolle nicht entdeckt 01.05.2008
- Pressekonferenz zu Inzestfall von Amstetten "Sehr lieb, aufgeweckt und anhänglich" 30.04.2008
- Inzestverbrechen in Amstetten Österreich kämpft um seinen Ruf 30.04.2008
(SZ vom 02.05.2008/grc)
Kapitalabzug aus Südeuropa
P.S.:
Zur Frage der SZ: "Das Opfer wird zum Schuldigen?"
und der Antwort von Herrn Sachsse: Ja, und dazu kommt:..."
sagt nichts anderes aus, als dass Herr Sachsse sieht, dass AUS SICHT DER FAMILIE bzw. der MUTTER leider oft das Opfer als die Schuldige gesehen wird und die Betroffene somit in den seltensten Fällen dort also Verständnis und Unterstützung erfährt.
Ich kenne Herrn Sachsse und erlebe ihn als einen großartigen Therapeuten und Forscher spannenden wissenschaftlichen Erkenntnissen. Ich kann also versichern, dass die Folgerung, er sei der Meinung, dass das Geschlecht Frau am Missbrauch selbst Schuld sei schlichtweg falsch ist.
Des weiteren scheint mir die abwertende Haltung gegenüber der Aussage "Oft haben diese Täter Schwierigkeiten mit eigenständigen, selbstbewussten Frauen." unangemessen.
Das ist nur eine Feststellung, die (bitte genau lesen) "oft" zutrifft.
Selbstverständlich gibt es auch andere Motive und ich weiß, dass Herr Sachsse darum sehr genau weiß.
Ich stelle mich vor Herrn Sachsse und finde seinen Beitrag - wie immer - sehr gelungen. Es gibt keinen Grund, ihn aus evtl. Verletztheit anzugreifen, seine Worte in eine Richtung zu interpretieren oder Schlussfolgerungen in die Richtung zu ziehen, er sei auf der Seite der Täter und werbe um Verständnis für sie.
Er steht auf der Seite der Opfer.
Er versteht Betroffene wie kaum jemand anders, begreift sie als ExpertInnen und geht unglaublich wertschätzend in seiner Behandlung vor.
Bitte lest doch genau, was er schreibt und greift nicht ihn an, sondern die Täter.
Gruß
A
Ein Gefangener muss, wohl oder übel freundlich zu seinem Gefängniswärter sein, um sein Schicksal, seine Situation nicht noch weiter zu verschlechtern!
@ crassula
"Ich denke, dass viele Männer einfach zu wenig Sex haben"
Die Ärmsten! Für diese "Notfälle" steht doch das älteste Gewerbe der Welt zur Verfügung, oder nicht?
"Und was liegt solch einem Mann näher, als in der Familie ein Opfer zu suchen?"
Wie bitte?! Ich denke, die eigene Familie anzugreifen, die eigenen Kinder zumal, sollte am fernsten liegen. Wenn sonst schon niemandes Unversehrtheit heilig ist, dann doch wenigstens die der eigenen Kinder. Was sind das bloß für Ansichten...
Nebenbei gefragt: Was sollen Ihrer Sichtweise gemäß eigentlich all die Ehefrauen machen, deren Ehemänner das bekannt-notorische Defizit an Zärtlichkeit und Einfühlungsvermögen aufweisen? Ihre Söhne einsperren und sie zu regelmäßigen Liebkosungen zwingen??
Hallo,
ob es meistens nur selbstbewusste Frauen sind, wage ich zu bezweifeln. Wer sagt schon gerne die Wahrheit bei Missbrauch? Ich meine damit den Missbraucher an sich.
Ich denke an ganz einfache Vorgänge. Auch wenn sich vielleicht einige über meine Meinung aufregen, es ist eben nur meine Meinung.
Ein Mann hat gewiss mehr Triebhaftigkeit als eine Frau, das ist schon evolutionsbedingt. Natürlich gibt es auch Frauen, die besonders oft Sex wollen, aber der Mann liegt hier deutlich vorne. Ich denke, dass viele Männer einfach zu wenig Sex haben und aus diesem Grund einen Missbrauch tätigen. Ich denke nicht an Macht oder Ähnliches, sondern in erster Linie an den Trieb. Und was liegt solch einem Mann näher, als in der Familie ein Opfer zu suchen? Wie gesagt, dies ist meine Meinung.
Gruss
Paging