Amoklauf von Winnenden Munition und Mobbing

Die Nachhilfelehrerin des Todesschützen von Winnenden hat den Lehrern und Mitschülern eine Mitschuld an dem Amoklauf gegeben. Polizeiakten belasten außerdem den Vater schwer.

Die Nachhilfelehrerin des Amokläufers Tim K. hat den Lehrern und Mitschülern der Albertville-Realschule eine Mitschuld an der Tat gegeben. Wie das Magazin Focus berichtet, habe die Frau in einem Kondolenzschreiben an die Eltern von Tim K. massive Mobbing-Attacken gegen den Jungen beschrieben.

Kreidespuren zeigen den Umriss des Amokläufers Tim K. vor einem Autohaus in Wendlingen am Neckar.

(Foto: Foto: dpa)

Schon auf dem Schulweg hätten ihn Mädchen gehänselt. Durch die vielen Verletzungen habe Tim den Glauben an sich selbst und die Menschen verloren. Der 17-Jährige hatte am 11. März an seiner ehemaligen Schule in Winnenden und auf seiner anschließenden Flucht nach Wendlingen 15 Menschen und sich selbst erschossen.

In seiner ehemaligen Schule habe Tim K. unter massiven Versagensängsten gelitten, berichtet der Focus. Wenn die Lehrer ihn aufriefen, begann er zu zittern. In Internet-Chats klagte seine jüngere Schwester, dass Tim sich seit seinem 14. Lebensjahr verändert habe. Die Schulprobleme belasteten ihn. Zuletzt sei er wegen schlechter Noten in Tränen ausgebrochen. Ähnlich wie ihre Oma hielt die Schwester den Bruder für manisch depressiv.

Der psychiatrische Gutachter Reinmar Du Bois wirft in seiner Expertise Kollegen vor, sie hätten im Sommer 2008 bei Therapiesitzungen Tims Gewaltfantasien falsch eingeschätzt.

Ein weitaus größeres Versagen laste er aber Tims Eltern an. Sie hätten die Gefährlichkeit ihres Sohnes zur Kenntnis genommen, aber leichtfertig beiseitegeschoben. Tims Vater Jörg, gegen den die Stuttgarter Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung ermittelt, beteuerte laut Focus im Verhör, dass die Therapeutin nichts Beunruhigendes geschildert habe. Man sei erleichtert gewesen, dass nichts Schlimmes mit Tim gewesen sei.

Der Spiegel berichtet unterdessen, der Amokläufer habe sieben Wochen vor der Tat gemeinsam mit seinem Vater eine große Menge Munition gekauft. Demzufolge hatte der Minderjährige Tim K. zunächst allein versucht, Neun-Millimeter-Patronen zu erwerben und sei in einem Geschäft abgewiesen worden. Daraufhin hätten Vater und Sohn gemeinsam 1000 Schuss erstanden.

Tim K. habe gezahlt und erklärt, die Munition sei ein Geschenk für seinen Vater nachträglich zum 50. Geburtstag. Der Vater habe sich sehr über die Fürsorglichkeit seines Sohnes gefreut, sagte den Angaben zufolge die Mutter aus, da Tim schon seit Jahren niemandem in der Familie ein Geschenk gemacht hätte.

Aus den Akten gehe auch hervor, dass Tim K. sich in den Tagen vor dem Amoklauf intensiv mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 auseinandergesetzt hat. So habe er Fotos der Anschläge gesammelt und Biografien der Attentäter studiert. Der 17-Jährige habe im Internet zudem über Amokläufer wie Ernst August Wagner recherchiert, der 1913 im Schwäbischen ein Blutbad angerichtet hatte.

Das Nachrichtenmagazin Focus berichtet von einer weiteren Polizei-Panne bei der Fahndung nach dem Amokläufer. Ein mit einer Maschinenpistole bewaffneter Beamter habe nicht eingreifen können, als der Todesschütze in Wendlingen auf zwei seiner Kollegen schoss und diese schwer verletzte.

Der Grund dafür war dem Bericht zufolge, dass die hinteren Türen des Zivilfahrzeugs der Polizei mit einer Kindersicherung verriegelt waren. Im Normalfall verhindert die Sicherung eine Flucht von festgesetzten Tätern aus dem Polizeiauto.