Wie viel Schuld trägt die Gesellschaft an Amokläufen? Nur wenige junge Männer werden zu Tätern. Doch viele Jugendliche quält das Gefühl, gescheitert zu sein.
Jedes Mal, wenn ein Jugendlicher plötzlich um sich geschossen und Schüler, Lehrer, Passanten getötet hat, lassen die Deutungen nicht lange auf sich warten. Es sei die Tat eines Einzelnen gewesen, lautet die eine Erklärung, das Werk eines unscheinbaren Menschen mit "doppelter Identität". Schnell sind die Lebensumstände beisammen: die Nähe zu Waffen, die schwarze Kluft, vielleicht die Computerspiele. "Unfasslich" heißt die andere Erklärung, und dann wird im Kollektiven spekuliert: über Einsamkeit, Sinn und Verantwortung, über (vertane) Lebenschancen und die grausamen Seiten von Leistungsdruck und Erfolgsverpflichtungen.
Auch Sebastian B., der Amokläufer von Emsdetten, fühlte sich als Verlierer. (© Foto: ddp)
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Doch nur sehr schlecht passen diese beiden Erklärungsversuche zusammen: Der eine erklärt die Tat zu einem extremen Sonderfall, für den die Gesellschaft keine Verantwortung zu tragen habe, zur absoluten Ausnahme. Der andere macht die Gesellschaft in einer Weise verantwortlich, die unmittelbar die Frage nach sich ziehen müsste, warum sich solche Massaker nicht noch viel öfter ereignen - unterstellen dem Amokläufer also ein hohes Maß an Normalität.
Amokläufe von Schülern sind ein junges Phänomen. In Deutschland beginnen sie Ende der neunziger Jahre, nach dem Blutbad von Littleton in Colorado. Seitdem bilden sie eine Kette von Bluttaten, an die man sich, wie bei Schlachten, durch Nennung der Ortsnamen erinnert: Meißen, Erfurt, Emsdetten. Aber warum gab es solche Amokläufe vorher nicht? Und warum gibt es allen Grund zu der Befürchtung, es werde dergleichen noch häufiger geschehen? Was hat sich in den vergangenen Jahren geändert, bei jungen Menschen, in der Gesellschaft? Einzelgänger, Waffennarren und Gewaltliebhaber hatte es schließlich vorher auch schon gegeben. Und Verlierer, Opfer von Konkurrenz und Leistungsdruck, hatte die freie Marktwirtschaft - und nicht nur diese - auch schon vor ihrem Übergang in die jüngste Stufe der Globalisierung, auch schon vor Hartz IV und Mini-Jobs hervorgebracht.
Im Abschiedsbrief, den Sebastian B., der Amokläufer von Emsdetten (2006), hinterließ, heißt es, ein "Verlierer" zu sein sei alles, was die Schule ihm "intensiv" beigebracht habe. Doch sei auch er ein Mensch, der es wert sei, "beachtet zu werden": "Bevor ich gehe, werde ich euch einen Denkzettel verpassen, damit mich nie wieder ein Mensch vergisst! ... Ich will, dass sich mein Gesicht in eure Köpfe einbrennt!" Wenn es einen Weg gibt, um die Amokläufe von Schülern zu verstehen, dann liegt er in solchen Sätzen verborgen: in der Verbindung zwischen der Wahrnehmung, gescheitert zu sein, und dem Anspruch auf Anerkennung, den anscheinend nur der Erfolgreiche erheben kann. Der eigene - tatsächliche oder auch nur vermeintliche - Misserfolg wird als fundamentale Verletzung des Selbstwertgefühls empfunden. Das aber ist alles andere als ungewöhnlich: Denn der Glaube, der Schlüssel zum Erfolg liege in einem selber und dabei nicht zuletzt im eigenen Selbstbewusstsein begraben, gehört zur psychischen Grundausstattung unserer Gesellschaft.
Doch schießt nicht jeder junge Mann um sich. Es werden nur äußerst wenige junge Männer zu Amokläufern. "Es gibt für mich jetzt nur noch eine Möglichkeit, meinem Leben einen Sinn zu geben", schrieb der Amokläufer von Emsdetten. Es gibt auch - und fast möchte man dabei von "Glück" sprechen - nur wenige Menschen, die die Ehre zu dem einen, allen anderen übergeordneten, entscheidenden Lebensinhalt machen. Ausnahmezustand und Normalität liegen dabei näher beieinander, als die Politiker, die nun von einer "in keiner Form erklärbaren Tat" reden, wahrhaben möchten. Doch wenn es überhaupt eine Möglichkeit gibt, ein solches Verbrechen zu verstehen - und ein zukünftiges vielleicht sogar zu verhindern -, dann kann sie nur darin liegen, über den Wahn der Ehre und Anerkennung um jeden Preis auch bei denjenigen zu reden, die nicht zur Waffe greifen.
"Leben, das ist Bewegung": Felix Grützner tanzt auf Beerdingungen, um an die Verstorbenen zu erinnern und Raum für Gefühle zu schaffen. Jetzt lesen ...
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(SZ vom 12.03.2009/jw)
Studie zur Beliebtheit der Deutschen
Ich stimme Ihnen voll und ganz zu.
Ich muß meine Tränen unterdrücken, so wie ich sie jeden Tag unterdrücken muß.Aber ich lasse sie immer mehr frei fließen.
Ich übe jeden Tag meine Liebesfähigkeit.
Ich mache die Augen weit auf.
Ich sehe zum Beispiel die Internetseiten *Schall und Rauch* oder *Familiennetzwerk*
Ich lese über Gesetze, welche die Autonomie der Elten aushebeln. Kinder sollen in die Kinderkrippe(v.d.Layen), früh weg aus dem Elternhaus, früh weg von der alles nährenden Liebe der Mutter und des Vaters. Warum wurde die Leistung bis zum EXzess propagiert?( Siehe Maischbergers letzte Talkrunde!).Warum wird das hegen und pflegen der Familie so schwer gemacht? Wer hat einen Nutzen von körperlichen wie psychischen Krüppeln?Stehen wir alle am Scheideweg?
Ja!
Nach all dem was bisher war und was noch kommen muß, haben wir die Möglichkeit zu lernen.Was lernen, werdet Ihr fragen?
Die bedingungslose Liebe zu leben!
Wer dies sehr schön zum Ausdruck gebracht hat, in seinen Werken, war ERICH FROMM.+Die Kunst des Liebens* ist ein Aufklärer der besonderen Art.
Wir müssen kleine Schritte tun, Achtsahmkeit jeden Moment praktizieren.
Wir werden alle profitieren, wenn wir verzeihen.
Es gibt sicherlich ein paar andere Threads,... aber ich wollte mal ein ganz grundlegenden gedanken äußern und mal diskutieren:
Es wird immer so getan als wäre ein amoklauf - eine tat, die derzeit alle paar jahre wieder stattfindet, sozusagen: einer von ganz wenigen, die durchdrehen - die aufgrund einer Ursache durchdrehen.
Aber dem ist eigentlich nicht so!
Hierzu will ich noch einen Gedanken voranstellen; die Gewalt der Täter richtet sich immer gegen ihre ehemalige Schule, Lehrer und Mitschüler. Durchdrehen kann man schließlich auch in einem Kaufhaus oder Fußgängerzone - während hier die Tötungsquote noch höher wäre. Hierbeui handelt es sich aber um Unbekannte. Also ist das Motiv Rache! Der Grund: Schulischen / Pädagogische Versäumnisse / Inkompetenz, klassenfeindliche Klimata, Cliquen, Hackordnungen etc.
Um jetzt zum Kernpunkt zu kommen: ich behaupte, es gibt viel mehr solcher Jugendlicher - auch statistisch erfasst - nämlich die suizidgefährdeten bzw. die Selbstmorde.
Sowohl Amokläufer als auch Selbstmörder haben eine Gemeinsamkeit - dieselbe Ursache. Der Unterschied ist lediglich, dass die Gewalt eines Amaokläufers sich nach außen richtet - die Gewalt einen Selbstmörders nach innen. Man muss sich dies wie zwei unterschiedliche Wasserhähne vorstellen - die durch einige weitere, soziale Einflussfaktoren - etwa heiß, kalt oder gar nicht aufgedreht werden.
d.h. es gibt nicht nur einen alle 2 Jahre, der durchdreht - es gibt hunderte jährlich. bloss die art ist anders, verherrender!
Ja - es gibt zu viele Waffen in privaten Händen. Das ist meine Ansicht und ich bin ziemlich sicher, dass das stimmt.
natürlich ist das eine Tragödie, die da mal wieder passierte -
nun hat aber der Herr Steinfeld sehr sensibel beschrieben, wo die eigentliche Tragödie sich abspielt...
und da kommen sie mit Waffen!
Paging