Von Jürgen Schmieder

Viele Amerikaner geben an, es würde eben zu ihrer Geschichte gehören, eine Waffe zu tragen. Das hat allerdings zur Folge, dass Amokläufe zur Gegenwart gehören.

Ernst August Wagner war einer der ersten Amokläufer. Am 4. September 1913 ermordete der Hauptlehrer seine Frau und seine vier Kinder. Danach fuhr er nach Mühlhausen, zündete die Ortschaft an und erschoss weitere zwölf Personen. Erst dann wurde er verhaftet und in die Heilanstalt Winnenthal eingewiesen. Niemand diskutierte über die Hintergründe des Verbrechens. Wagner wurde für unzurechnungsfähig erklärt. Fertig. Das war's.

Amoklauf in den USA

Polizisten sichern das Gelände in Illionois. (© Foto: rtr)

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95 Jahre später hat sich an diesem Prozedere kaum etwas geändert. Am Donnerstag gab es einen Amoklauf an einer Universität im US-Bundesstaat Illinois, bei dem sieben Menschen starben. Schon griffen die Mechanismen, die in diesen Fällen immer greifen. Politiker bedauern den Amoklauf. Ermittler suchen im Umfeld nach Motiven. Rockmusiker, Fernsehsender oder die Computerspiel-Industrie werden angegriffen. Am Ende wird von einem bedauerlichen Einzelfall die Rede sein, von einem armen Irren.

Nur: Die Einzelfälle häufen sich. Es ist noch keine zehn Monate her, dass ein Student an der Virginia Tech University 23 Menschen tötete. Vor zwei Monaten gab es in Omaha neun Tote. Vor einer Woche gab es drei Schießereien in Missouri, Ohio und Kalifornien. Die Gouverneure der drei Staaten verkündeten beinahe unisono, dass es sich um eine sinnlose Tat und ein entsetzliches Verbrechen von Einzeltätern handele.

Nach jedem Amoklauf wird über die Waffengesetze in den USA diskutiert - allerdings viel zu kurz. Dann geht es wieder um böse Computerspiele und skandalöse Rockmusik. Aus den Verbrechen der Vergangenheit wurde nichts gelernt. Lieber lassen sich amerikanische Bürger mit Waffen für Magazine ablichten und geben im Fernsehen zu Protokoll, wie sehr sie es genießen, eine Waffe besitzen zu dürfen. Nur in sieben Bundesstaaten ist der private Waffenbesitz verboten. Keiner der Präsidentschaftskandidaten hat in seinem Wahlprogramm als wichtigen Punkt stehen, die Waffengesetze straffen zu wollen. Es würde zahlreiche Wählerstimmen bei den stark organisierten Waffenbesitzern kosten.

Am Waffenrecht wird sich in den USA kaum etwas ändern. Viele Amerikaner geben an, es würde eben zu ihrer Geschichte gehören, eine Waffe zu tragen. Das hat allerdings zur Folge, dass Amokläufe zur Gegenwart gehören.

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(sueddeutsche.de/lala)