Amokfahrt von Toronto Was ist ein "Incel"?

Zehn Menschen wurden am Montag in Toronto von einem 25-Jährigen mit einem Kleintransporter getötet.

(Foto: Cole Burston/AFP)

Ein 25-Jähriger überfährt in Toronto mehrere Fußgänger, zehn Menschen sterben. Die Polizei vermutet ein möglicherweise frauenfeindliches Motiv, weil der Mann kurz zuvor eine "Incel Rebellion" ankündigte. Was es damit auf sich hat.

Von Philipp Bovermann

Der Mann, der in Toronto am Montagabend einen Lieferwagen in eine Gruppe von Menschen steuerte, tötete und verletzte dabei hauptsächlich Frauen. Ob das Absicht war, versuchen die Ermittler noch herauszufinden. Der erste Hinweis, den die Polizei noch am Dienstagabend gegeben hat, weist jedenfalls darauf hin, dass Alek M. frauenfeindlich motiviert gehandelt haben könnte. Mit Betonung auf dem Konjunktiv. Die Polizei bezieht sich vor allem auf einen einzelnen Beitrag, den der 25-Jährige kurz vor der Tat auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht hat. Darin ruft er zu einer "Incel Rebellion" auf.

Der Begriff "Incel" verweist auf eine besonders finstere Ecke des Internets, in der unerfüllte männliche Sexualität zu Hass vergärt. In der Echokammer einer "Manosphere" bilden sich dort bizarre Sprach- und Sichtweisen heraus. So ist "Incel" die Kurzform von "involuntary celibates", was sich mit "unfreiwillig Zölibatäre" übersetzen lässt. Der Begriff tauchte das erste Mal auf einer Webseite für Männer auf, die sich bei der Partnersuche schwer tun. Die Betreiberin der Seite prägte ihn mit der Intention, den aus ihrer Sicht bemitleidenswerten Kerlen Mut zu machen.

Irgendwann aber begannen diese sich lieber gegenseitig Mut zu machen, auf Internet-Foren wie Reddit, wo unter dem Namen /incel eine eigene Plattform entstand. Sie wurde zu einer Anlaufstelle für Männer, die sich sexuell abgehängt fühlten. Schuld an ihrer Situation waren in ihren Augen nicht sie selbst, sondern die Welt, die ihnen Sex schuldete.

Womöglich trieb Frauenhass den Attentäter von Toronto

Darauf deutet ein Social-Media-Post des 25-Jährigen hin; die meisten seiner Opfer sind Frauen. Was wir über die Tat wissen. mehr ...

Die Männer sind in dieser Vorstellung die Opfer. Aber nicht alle Männer. Die richtig tollen, die den ganzen Sex bekommen, nennen sie "Chads". Ein "Chad" ist auf einem in der Szene zirkulierenden Meme dargestellt als ein muskulöser Mann mit bunten Klamotten, mit geradem Rücken, mit Armen, die sich laut der Beschriftung durch Schläge ihren Weg bahnen können, und einem Mund, der "überhaupt keine Gefühle von anderen wahrnimmt". Was die Rolle der Frauen angeht, so fahren sie aus Sicht der Szene ausschließlich auf "Chads" ab, schließlich seien Frauen sämtlich "Stacys", was sich mit "Schlampe" übersetzen lässt.

Auch der Täter von Toronto benutzte die Begriffe "Chad" und "Stacy" in seinem Facebook-Post. Gegen sie sollte sich seine "Incel Rebellion" richten. Er verneigte sich darin zudem vor Elliot Rodger, der 2014 sechs Menschen und dann sich selbst erschossen hatte. Rodgers überaus wehleidig formuliertes "Manifest", das er zuvor veröffentlicht hatte, beginnt mit den Worten: "Für all mein Leid auf dieser Welt sind Menschen verantwortlich, speziell Frauen."

In manchen Foren beglückwünschen User den Täter zur Amokfahrt

Laut dem kanadischen Journalisten Arshy Mann, einem Kenner der Szene, sind "Incels" oft gescheiterte "Pick-Up Artists". "Sie versuchen diese pseudo-wissenschaftlichen, entmenschlichenden Verführungstechniken, kriegen es immer noch nicht hin flachgelegt zu werden und werden wütend." Die "Incels" sind zu dem Schluss gekommen, dass Sex für sie auf ewig unerreichbar sein wird. Frauen werden damit zu Gegenspielern, zu Feinden der sexuellen Bedürfnisse. Deshalb sprechen "Incels" von ihnen auch oft als "Femoids" oder "Female Humanoid", als menschliche Roboter. Die Objekt-Machung der Frau ist in dieser Sichtweise abgeschlossen. Und die weiblichen Objekte werden als bedrohlich stilisiert.

Nicht zwingend, aber vorstellbar, dass jemand mit diesem ideologischen Hintergrund einen Transporter in eine Gruppe Frauen steuert. Reddit hat "/incel" im vergangenen Jahr wegen eskalierender Gewaltfantasien geschlossen. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Gruppe 40 000 Mitglieder.

Viele gingen daraufhin zum Beispiel zum Forum incels.me, wo sich seit dem Attentat begeisterte Kommentare finden. Ein Nutzer schreibt, das sei "genau das Lebenselixier", das er gebraucht habe. Er spricht davon, "Normies" zu töten und in "ständiger Angst" zu halten. Ein Nutzer namens "gstrvtrp" schreibt: "Die Nachricht verbreitet sich. Wir sind jetzt Mainstream."

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