Altai-Gebirge Jagdszenen aus Südsibirien

Es ist nicht der erste Fall von VIP-Wilderei in Russland - doch der Skandal ist perfekt: Ein Besuch im Altai-Gebirge, wo reiche Russen vom Hubschrauber aus bedrohte Wildtiere abknallen.

Von Sonja Zekri, Altaisk

Sie nennen es "Altaigate", ein Watergate in den Bergen Südsibiriens. Und außer Hochhäusern hat der Fall wirklich alles, was ein politischer Skandal braucht: einen arroganten Gesetzesbruch durch einen Klüngel aus Politikern und Geschäftsleuten, unbestechliche Beamte und Journalisten, eine angewiderte Öffentlichkeit. Zurück bleibt eine geschändete Natur und eine Umweltbewegung, die nach Jahren der Nichtbeachtung einen winzigen Triumph feiert.

Eine bedrohte Idylle: Wegen zunehmender Wilderei schlägt die russische Sektion des World Wide Fund For Nature Alarm.

(Foto: Foto: AP)

Vor dem Zaun um das Urlaubsdorf "Toursib" steht eine kleine schwarze Lokomotive, dahinter jagt der eisige Katun vorbei, grün und trübe nach einem Monat Regen. Das Altai-Gebirge ist hier noch sanft voralpin, die Viertausender beginnen erst am Horizont kurz vor der Mongolei. Vom Flugplatz auf der anderen Straßenseite startete am frühen Morgen des 7. Januar in einem Mi-171-Hubschrauber eine Jagdgesellschaft mit hochrangigen Politikern.

Ein riskantes Geschäft

Alexander Kosopkin zum Beispiel, Vertreter des russischen Präsidenten im Parlament, oder Viktor Kaimin, Chef der regionalen Tierschutzbehörde. Um 5:26 Uhr schossen die Fluggäste am Schwarzen Fluss das erste Argali-Schaf, um 5:45 Uhr das zweite, um 6:10 Uhr das dritte. Beim Versuch, am Rand der Schlucht zu landen, um ein Tier an Bord zu hieven, verlor der Pilot die Kontrolle. Der Hubschrauber stürzte in den Schnee. Sieben der elf Insassen starben, darunter Kosopkin und Kaimin.

"Alles an diesem Fall ist verboten", sagt der Umweltschützer Michal Palzyn in Gorno-Altaisk: "Das Argali gehört in Russland zu den geschützten Tierarten. Die Jagd vom Hubschraubern aus ist verboten. Und im Winter darf hier nicht gejagt werden." Dass der Pilot der Flugaufsicht eine falsche Route meldete und unzulässig niedrig flog, rundete das Bild nur ab. Akaj, ein Vertreter der indigenen Bevölkerung mit einem Zopf bis zur Hüfte, spricht von 28 getöteten Schafen, von Prostituierten und Maschinengewehren, die Jäger hätten die gesamte Population auslöschen wollen, sagt er. Dabei ist es auch so schlimm genug.

Das Altai-Argali gehört zu den besonders großen Wildschafen, sein Geweih ist ein mächtiges, sandfarbenes Gewinde. Für die Ureinwohner des Altai sind sie die Herren der Berge, nur die besten und reinsten Krieger dürfen das Argali töten.

VIP-Wilderei in Russland

Diese Jäger aber waren Diebe, sagen die Menschen, und ihr Tod sei eine Strafe der Götter. "Altaigate" war nicht der erste Fall von VIP-Wilderei in Russland, aber dieser wurde zum Skandal. Luftfahrtbeamte spielten dem Internet-Dienst www.altapress.ru ein Foto zu, auf dem kopflose Kadaver und Geweihe zu sehen waren. Der russische World Wide Fund For Nature (WWF) erkannte die Tiere und schlug Alarm. Später wurden noch zwei Kadaver gefunden. Seitdem ist der Altai nicht mehr zur Ruhe gekommen.

In einer Konsequenz, wie man sie in Umweltfragen seit der Perestroika selten gesehen hat, demonstrierten die Menschen auf der Straße und im Internet, Dorf- und Stammesälteste, Kommunisten und Schirinowskijs Liberaldemokraten. Lokale Behörden veröffentlichten Untersuchungsberichte. Innerhalb von zehn Tagen unterschrieben mehr als 6000 Internet-Nutzer einen Brief des WWF an Präsident Dmitrij Medwedjew. Sie forderten Aufklärung, viele verlangten die Absetzung des Gouverneurs und des Vize-Regierungschefs der Republik, Anatolij Bannych, der die Jagd organisiert hatte. Bannychs Unternehmen Sigma ist bekannt für sein brutales Geschäftsgebaren. Bannych überlebte den Unfall verletzt.

Russische Tiger im Ausverkauf

Wildern ist kein Oberschichten-Phänomen. Unter Umweltgesichtspunkten sind spektakuläre Fälle wie "Altaigate" sogar nicht mal das Schlimmste. "Den größten Schaden richtet die kommerzielle Jagd an", sagt Alexej Waisman vom Moskauer WWF. Sibirische Moschushirsche werden nach China verkauft, Falken nach Saudi-Arabien. Pro Jahr werden 50 russische Tiger geschossen und ungezählte Zobel. Waisman hat die Verkaufserlöse auf der Pelzauktion in Sankt Petersburg mit den erlaubten Abschussquoten verglichen: "Die Differenz, also der Schaden durch illegale Zobel-Jagd, liegt bei zehn Millionen Dollar pro Jahr", sagt er.

Im Altai aber lag der Fall anders. Der liberale Politiker Wladimir Ryschkow hat vor kurzem mit Politologen den Altai besucht, wo er geboren ist: "Die Menschen sind wütend über das Verbrechen an der Natur, aber auch über die Straflosigkeit solcher Fälle", sagt er. Und in Barnaul ergänzt die Journalistin Larisa Wasilijewa: "Politiker und Oligarchen haben sich benommen, als stünden sie über dem Gesetz, als wären sie Halbgötter, für die die Regeln Normalsterblicher nicht gelten, als könnte man sich alles kaufen."

In einer Zeit der Not aber, in der Firmen schließen, Löhne ausbleiben und viele Menschen nur noch von den Gurken der Datscha leben, konnte der Kreml diese obszöne Status-Demonstration nicht länger dulden. Nach einer Schamfrist legte Bannych sein Amt nieder. Das Tierschutzkomitee wurde aufgelöst, der Staatsanwalt versetzt, schließlich Anklage wegen Wilderei erhoben, wenn auch gegen niemand Konkreten.

"Der Fall zeigt, dass wir in einer gemeinsamen Anstrengung die Behörden zum Handeln zwingen können", sagt Waisman vom WWF: "Es ist ein klarer Sieg für die Zivilgesellschaft." Inzwischen, heißt es im Altai, wanke sogar der Gouverneur. Aus Unterlagen, die die SZ einsehen konnte, geht hervor, dass es im Winter mehrere Flüge in jene Regionen des Altai gegeben hat, in denen sich die Argali-Schafe aufhalten, einige von Bannych organisiert. Auf den Gästelisten standen die Namen von Sberbank-Chef German Gref, Andrej Lugowoi, den Großbritannien im Mordfall Litwinenko verdächtigt, aber auch die deutscher Gäste. "Selbstverständlich sind die Listen kein Beweis, dass bei den Flügen gewildert wurde", sagt Palzyn in Gorno-Altaisk: "Aber sonst gibt es um diese Zeit in dieser Region eigentlich nicht viel zu tun."

Seit "Altaigate" melden die sensibilisierten Medien fast monatlich verdächtige Fälle, aus Archangelsk, Wolgograd, Jakutien. Im Mai stürzte der Hubschrauber des Gouverneurs vom Bezirk Irkutsk ab, bei der Bärenjagd, vermuten russische Medien und sprachen von "Baikalgate". Der jüngste Fall liegt nur Tage zurück: Der Bürgermeister der sibirischen Stadt Minusinsk ertrank in einem Fluss, in dem gerade die Lachse laichen und Fischfang verboten ist. Er soll eine Angel bei sich gehabt haben.