Außenminister Steinmeier spricht von "furchtbarer Katastrophe", die Suche wird fortgesetzt und unter den 228 Passagieren waren 26 Deutsche: Tag eins nach dem Verschwinden der Air-France-Maschine über dem Atlantik. Flug AF 447 gibt Rätsel auf. Ein Blitzschlag allein kann kaum die Ursache gewesen sein.

Es ist eines dieser Szenarien, das Flugreisende erschaudern lässt: Irgendwo über dem Atlantik gerät der Flieger in ein schweres Unwetter, der Pilot verliert die Kontrolle, die Elektronik fällt aus, das Flugzeug stürzt ab.

Warten ohne Hoffnung: Eine Maschine der Air France ist vom Radarschirm verschwunden - mit 228 Menschen an Bord. Angehörige in Brasilien haben sich auf das Schlimmste eingestellt. (© Foto: AP)

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Einen Tag nach dem Verschwinden der Air-France-Maschine mit 228 Menschen an Bord spekulieren Experten über mögliche Absturzursachen. Sollten tatsächlich alle Insassen ums Leben gekommen sein, wäre es das schwerste Flugzeugunglück seit 2001. Unter den Passagieren waren nach Angaben der Fluggesellschaft auch 26 Deutsche.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) wollte die Zahl nicht bestätigen. "Wir müssen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass es sich um eine furchtbare Katastrophe handelt", sagte Steinmeier in Prag. "Es ist eine schwere Stunde für uns alle, aber ganz besonderes für unsere französischen Freunde und alle diejenigen Länder, die fürchten müssen, dass Angehörige ums Leben kamen."

Unter den Passagieren befanden sich neun Menschen, die von Paris aus nach Bayern weiterfliegen wollten, bestätigte ein Sprecher des bayerischen Innenministeriums. Acht Fluggäste hätten Weiterflüge nach München und einer einen Transfer nach Nürnberg gebucht. Ob die Personen allerdings im Freistaat wohnen, sei bisher nicht bekannt. Die Flugliste sei noch nicht endgültig bestätigt. Auch seien noch nicht alle Angehörigen verständigt worden.

"Wir stehen ohne Zweifel vor einer Luftfahrtkatastrophe", sagte der Vorstandsvorsitzende Pierre-Henri Gourgeon. Laut Air France durchquerte die Maschine auf dem Weg von Rio de Janeiro nach Paris gegen 4 Uhr MESZ in mehr als 10.000 Metern Höhe eine "Gewitterzone mit schweren Turbulenzen". Knapp eine Viertelstunde später wurde eine automatische Fehlermeldung versandt, die eine Panne im elektrischen Kreislauf meldete. Danach gab es keinen Funkkontakt mehr.

Dabei halten Luftfahrtexperten Flugzeugabstürze durch Blitzeinschläge für äußerst selten und unwahrscheinlich. "Ein Blitz kann einer modernen Maschine eigentlich nicht viel anhaben, weil sie durch ihre Umhüllung ja von dem Faradayschen Effekt profitiert", sagte das Vorstandsmitglied der Weltpilotenvereinigung IFALPA, Georg Fongern.

Ähnlich wie bei Autos wirke der metallische Rumpf als sogenannter Faradayscher Käfig. Das heißt, die Elektrizität wird über Rumpf und Tragflächen abgeleitet und dringt nicht ins Innere. Selbst Fenster und kleine Schäden würden diesen Effekt nicht beeinträchtigen. Zudem seien an den Maschinen bis zu 30 kleine Blitzableiter angebracht.

"Schlimmer als Blitze sind die Turbulenzen, in denen beispielsweise die Flügel des Flugzeugs abbrechen können", erläuterte Flugexperte François Grangier dem Sender i-tele. Möglicherweise seien im Sturm auch die Antennen und das Radar der Maschine zerstört worden.

Ein Sprecher des französischen Pilotenverbandes verwies unterdessen auf die sogenannte Intertropische Konvergenzzone, durch die das Flugzeug geflogen sei. In der Nähe des Äquators träfen Winde von Nord und von Süd aufeinander. "Dort gibt es regelmäßig heftige Gewitter und Hagelschauer", sagte Eric Derivy vom Pilotenverband.

Ungewöhnlich sei den Experten zufolge vor allem, dass es derart wenige Anhaltspunkte gebe. Den einzigen Anhaltspunkt, den es gebe, sei das automatische Signal, das die Maschine gegen 4.15 Uhr MESZ absandte. "Die Frage ist, ob dies ein Auslöser oder die Folge eines anderen Problems war", erklärte Grangier.

Unterdessen verdichten sich die Hinweise auf einen Absturz: Ein Pilot der brasilianischen Fluglinie TAM hatte während eines Atlantik-Fluges in der Nacht zum Montag möglicherweise brennende Teile auf der Meeresoberfläche entdeckt.

Der Frachtpilot hatte kurz nach nach dem mutmaßlichen Unglückszeitpunkt das Gebiet passiert, in dem die Air-France-Maschine auf dem Flug von Brasilien nach Frankreich verschwunden war. Die brasilianische Luftwaffe erklärte, die Angaben würden geprüft.

Das brasilianische und das französische Militär setzen ihre Suche nach der Maschine im Atlantik fort. Zwei Flugzeuge der brasilianischen Luftwaffe waren in der Nacht zum Dienstag im Einsatz, nach Behördenangaben außerdem vier weitere Flugzeuge und zwei Hubschrauber. Das erste Marineschiff wird die mutmaßliche Unglückstelle zwischen Brasilien und West-Afrika voraussichtlich erst am morgigen Mittwoch erreichen. Die Behörden riefen zudem Handelsschiffe in der Region auf, sich an der Suchaktion zu beteiligen, und Frankreich bat um Unterstützung durch amerikanische Satelliten. US-Präsident Barack Obama sicherte die Unterstützung seines Landes zu.

Frankreich hat unterdessen weitere Flugzeuge zur Suche im Atlantik losgeschickt. Zwei Militärflugzeuge starteten am frühen Dienstagmorgen, um das Unglücksgebiet rund 1100 Kilometer vor der nordöstlichen Küste Brasiliens aus der Luft abzusuchen. "Die Suche geht solange weiter, wie es nötig ist", sagte Verteidigungsminister Hervé Morin im Radiosender Europe 1. Verkehrsminister Jean-Louis Borloo kündigte an, Angehörige würden auf Wunsch in das Gebiet geflogen, in dem der Airbus A330 der Fluggesellschaft Air France in der Nacht zum Montag verschollen war.

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(sueddeutsche.de/dpa/AFP/hai/ihe)