Für die Angehörigen schwindet die Hoffnung: Die brasilianische Luftwaffe findet Trümmerteile auf hoher See - möglicherweise vom Wrack der verschollenen Air-France-Maschine.
Nach dem Verschwinden einer Air-France-Maschine über dem Atlantik hat die brasilianische Luftwaffe inzwischen Wrackteile geortet. Kleine Trümmerteile, darunter auch ein Flugzeugsitz, Rettunswesten und metallische Gegenstände, seien rund 650 Kilometer nordöstlich der Insel Fernando de Noronha entdeckt worden, sagte ein Luftwaffensprecher in Brasilia. Die Behörden konnten zunächst nicht zweifelsfrei bestätigen, dass es sich um den Airbus A330 200 der französischen Fluggesellschaft handelte. Bergungsschiffe würden das Gebiet erst am morgigen Mittwoch erreichen, sagte Luftwaffensprecher Jorge Amaral.
Auf das Schlimmste eingestellt: Angehörige in Rio de Janeiro. (© Foto: Reuters)
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Der Airbus A330 mit 228 Menschen an Bord war am Montag auf dem Flug von Rio de Janeiro nach Paris verschwunden. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat einen Tag nach dem Unglück den Angehörigen ihr Mitgefühl ausgesprochen. "Ich bin wie alle Menschen in Deutschland bestürzt", sagte die Kanzlerin. "Es ist eine menschliche Katastrophe", betonte die Kanzlerin. Sie wünschte den Angehörigen "viel Kraft in diesen schweren Stunden."
Auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat sich zu Wort gemeldet. Er spricht von einer "fürchterlichen Katastrophe". Eine genaue Zahl der betroffenen Deutschen wolle er noch nicht nennen, sagt Steinmeier, erst, wenn es "hundertprozentige Gewissheit" gebe.
Ausfall aller Systeme gemeldet
Noch sind nur wenige Fakten bekannt. Die Air-France-Maschine hatte in der Nacht zum Montag gut drei Stunden nach dem Start in Rio de Janeiro ein Dutzend automatischer Fehlerwarnungen gesendet. Um 4.14 Uhr kam am Montagmorgen der letzte Funkspruch der Maschine, dann verschwand sie vom Radar. Zum Zeitpunkt des Unglücks war sie rund 565 Kilometer von der brasilianischen Küste enfernt. An Bord des Airbus A330 befanden sich 228 Menschen, darunter laut Air France auch 26 Deutsche.
Laut Frankreichs Premierminister François Fillon zeigen die Fehlerwarnungen, dass "alle Systeme während drei Minuten außer Betrieb waren". Air France hatte davor vom Ausfall "mehrerer Apparate" gesprochen. Das Unternehmen verwies darauf, dass eine derartige Situation bei diesem Flugzeugtyp "noch nie dagewesen" sei.
Unter den Opfern sollen zahlreiche Geschäftsreisende sein. Der Sprecher des Konzerns ThyssenKrupp, Erwin Schneider, bestätigte, dass ein Manager des Unternehmens auf der Unglücksmaschine gebucht war. Eine offizielle Bestätigung dafür, dass der 41-jährige Erich Heine an Bord war, gibt es nach seinen Worten aber noch nicht. "Wir müssen abwarten", sagte der Sprecher.
Der ARD-Korrespondent Thomas Aders berichtete am Montagabend aus Rio de Janeiro, er sei mit einer vom Absturz betroffenen Familie aus dem Raum Stuttgart persönlich bekannt. Er sprach dem in Deutschland gebliebenen Mann der betroffenen Frau sein Beileid aus. Diese war demnach mit ihren Eltern, ihrer Schwester sowie deren zweijähriger Tochter an Bord.
Stage Entertainment in Hamburg bestätigte eine Meldung einer brasilianischen Zeitung, wonach sich eine Musical-Darstellerin offenbar ebenfalls in dem Flugzeug befand. Es handelt sich demnach um Juliana Ferreira Braga de Aquino, die unter anderem zum Ensemble des Musicals "Wicked - Die Hexen von Oz" gehört. Ihr erstes Engagement in Europa hatte die Brasilianerin von 2003 bis 2007 in ""Der König der Löwen" in Hamburg. 2008 übernahm sie im österreichischen Klagenfurt die Rolle der Maria Magdalena in "Jesus Christ Superstar".
"Sie wusste sofort, dass es Christines Flug war"
Zu den Vermissten gehört auch Christine Pieraerts, eine junge Frau aus Clermont-Ferrand, die zehn Tage Urlaub in Brasilien gemacht hatte. Ihr Freund arbeitet derzeit dort. Der hatte sie noch zum Flughafen gebracht, berichtete ihr Bruder Michel der Zeitung Le Parisien. Seine Mutter habe im Radio gehört, dass das Flugzeug vermisst sei. "Sie wusste sofort, dass es Christines Flug war", sagte er.
Am Montag hatten sich einige der Angehörigen Sonnenbrillen aufgesetzt, andere schlugen die Hände vors Gesicht, als sie auf dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle eintrafen. Sicherheitsbeamte leiteten sie direkt in einen Raum, in dem sie von Psychologen betreut wurden.
Unter den Vermissten sind auch neun Franzosen, die die Reise nach Brasilien von ihrer Firma geschenkt bekommen haben - als Belohnung für ihre gute Arbeit, sagte der Chef der französischen Elektrikfirma CGED, Laurent Bouveresse. Jeder von ihnen habe jemanden mitnehmen dürfen, und auch der Vertriebsleiter für die Region Südwest sei mitgeflogen. "Ich habe es am Montagvormittag erfahren", sagte Firmenchef Bouveresse. "Es war mehr als ein Schock, das kann man nicht beschreiben."
"Trost gibt es in einer solchen Situation nicht"
Für viele Passagiere wäre Paris nur ein Zwischenstopp gewesen. Von den 26 Deutschen sollten offenbar mehrere nach Stuttgart, Berlin, acht nach München und einer nach Nürnberg weiterfliegen. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagte, unter den neun Passagieren seien drei allein reisende Münchner gewesen sowie eine Person, die nach Sachsen weiterreisen wollte. Bei dem Fluggast nach Nürnberg handele es sich vermutlich um einen Mann aus Erlangen.
Am Münchner Flughafen betreute die evangelische Pfarrerin Gabriele Pace gemeinsam mit Ärzten, Psychologen und Seelsorgern die Angehörigen. Diese seien bis Montag Abend am Flughafen geblieben. "Wir sind für die Betroffenen da und schauen, welche Bedürfnisse sie haben. Trost gibt es in einer solchen Situation nicht", sagte sie im Gespräch mit sueddeutsche.de.
Air France veröffentlichte eine Passagierliste mit 33 verschiedenen Nationalitäten. Die Deutschen sind mit 26 Passagieren die größte Gruppe nach den 73 Franzosen und 58 Brasilianern.
"Es ist normal, dass die Angehörigen das Unglück erst einmal leugnen und nicht wahrhaben wollen", sagte ein Vertreter des Roten Kreuzes, der sich um die Betreuung kümmerte. Besonders schlimm sei es, so lange nicht klar sei, was tatsächlich passiert ist.
Die französische Regierung hat den Angehörigen nun angeboten, in die Zone zu reisen, in der die Maschine gesucht wird. Wenn das Flugzeug im Atlantik untergegangen sein sollte, kann es gut sein, dass die Opfer nie geborgen werden können.
"Es geht mir gut"
Unterdessen werden aber auch Geschichten bekannt wie die des italienischen Ingenieurs, der in letzter Minute doch nicht an Bord der Maschine ging. Wegen auftretender Probleme bei der Arbeit habe er seinen Flug verpasst. "Sein Name stand auf der Passagierliste für den Flug, er hat aber nicht eingecheckt", berichtete die Ehefrau des 54-jährigen Vaters zweier Kinder Lokalzeitungen in Ancona.
Sie hätten sich am Montag erst große Sorgen gemacht, doch dann habe der im Ölgeschäft tätige Ingenieur daheim angerufen: "Es hat Probleme bei der Arbeit gegeben, sag den Kindern, dass es mir gutgeht", habe der Ehemann sie beruhigt. Er wolle nun am Mittwoch von Brasilien nach Paris fliegen.
Auch ein französisches Ehepaar ist dem Unglück nur knapp entkommen: Es bekam trotz aller Bemühungen keinen Platz mehr in der Maschine. "Es ist ein Wunder", sagte Medizinprofessor Claude Jaffiol, der nach wie vor in Rio ist. Eigentlich hätten er und seine Frau Amina gerade diesen Flug heim nach Frankreich nehmen wollen.
Die beiden wollten sich nach einer Geschäftsreise nach Brasilien noch das Land anschauen, beschlossen dann aber, früher als geplant zurückzufliegen - und suchten sich ausgerechnet den jetzt vermissten Flug AF 447 aus.
Sie hätten "Himmel und Erde in Bewegung gesetzt", um noch in der Maschine mitzukommen, berichtete Jaffiol - doch Air France habe mitgeteilt, das Flugzeug sei voll. "Wir hatten unglaubliches Glück", sagte Amina Jaffiol: "Aber jetzt denken wir an die, die in der Maschine saßen." Ihrem eigenen bevorstehenden Rückflug sehe sie mit einer gewissen Sorge entgegen, fügte sie hinzu.
Für Angehörige und Freunde von Fluggästen, die in der Airbus-Maschine mit der Flugnummer AF 447 saßen, hat Air France eine telefonische Hotline geschaltet unter 0033-157021055.
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(dpa/AP/AFP/hai/ihe/kar)
FKK-Slackliner Alexander Schulz