#AintNoCinderella Frauen in Indien wollen keine Cinderella sein

Zwei Männer bedrängen eine Frau im Norden Indiens. Selbst schuld, meint ein Politiker, warum musste sie auch nachts unterwegs sein? Hunderte Inderinnen posten seitdem Fotos von sich. Nach Mitternacht.

Von Max Sprick

Seit dem vergangenen Wochenende posten etliche Inderinnen Fotos von sich in sozialen Medien, mit denen sie vor allem eines beweisen wollen: Dass sie trotz vorgerückter Stunde noch nicht zu Hause sind. #AintNoCinderella schreiben sie unter ihre Fotos, sie seien keine Cinderella, die vor Mitternacht die Party verlassen muss, um nicht in Ungnade zu fallen. Die Frauen reagieren damit auf die Aussagen eines lokales hochrangigen Mitglieds der rechtskonservativen Bharatiya Janata Party (BJP): Der Politiker Ramveer Bhatti hatte in einem Interview geäußert, eine Frau, die nachts draußen unterwegs sei, sei selbst schuld, wenn sie von Männern bedrängt werde.

Konkret geht es um den Fall einer 29-Jährigen aus der Stadt Chandigarh im Norden Indiens. Varnika Kundu fährt von einem Einkaufszentrum nach Hause, es ist die Nacht von Samstag auf Sonntag, Mitternacht ist gerade eine Viertelstunde her. Irgendwann bemerkt die Frau, dass ihr ein weißer Geländewagen folgt. Zwei Männer sitzen im Auto, "und sie schienen es wirklich zu genießen, ein einsames Mädchen mitten in der Nacht zu belästigen", schreibt Kundu am Morgen danach auf Facebook.

Sofort ist sie alarmiert, entscheidet sich, in eine belebtere, vermeintlich sichere Straße abzubiegen. Die Männer mit ihrem Geländewagen bremsen sie immer wieder aus, versuchen, sie zum Anhalten zu zwingen. An einer roten Ampel gelingt es ihnen. Einer der Männer steigt aus und läuft zu Kundus Wagen. "Ich setzte so schnell es ging zurück und bog bei der nächsten Gelegenheit ab, bevor sie mich noch mal einholen konnten."

Die 29-Jährige ruft die Polizei. Der Beamte am Telefon habe ihre Dringlichkeit erkannt und versprochen, sofort Hilfe zu schicken, schreibt sie. Kundu befährt inzwischen die Hauptstraße und fühlt sich sicher, der Geländewagen scheint verschwunden. "Falsch gedacht", schreibt Kundu. Der Wagen taucht wieder auf, die beiden Männer verfolgen Kundu über sechs Kilometer. "Und die ganze Zeit, alle zehn bis 15 Sekunden, haben sie versucht, mich anzuhalten." Bis die Polizei einschreitet.

Kundu schafft es nach Hause in dieser Nacht. Unverletzt, aber geschockt. Die zwei Männer, "die natürlich aus einflussreichen Familien kommen", seien verhaftet worden. Innerhalb weniger Stunden seien die beiden aber wieder frei gewesen. "Wenn es das ist, womit Frauen in einer der sicheren Städte dieses Landes klarkommen müssen, wo kommen wir da hin?", fragt Kundu in ihrem Post. Mehr als 15 000 Mal wurde der kommentiert, mehr als 6000 Mal geteilt.

Und auch der Vizepräsident der rechtskonservativen BJP im Bundesstaat Haryana reagiert. Ramveer Bhatti sagt zur Times of India, Kundu sei selbst schuld gewesen. "Dieses Mädchen hätte nicht um Mitternacht draußen sein sollen. Warum fuhr sie Auto, so spät nachts?" Ihre Eltern hätten auf sie aufpassen müssen. "Kinder sollten zeitig nach Hause kommen, warum müssen sie nachts draußen sein?" Sollte der Bericht des Portals newslaundry.com zutreffen, meldet sich der Politiker nicht ganz uneigennützig zu Wort. Einer der mutmaßlichen Täter soll demnach der Sohn des regionalen BJP-Präsidenten des Bundesstaates sein, dem Bhatti untersteht.

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