Sein erster Arbeitstag im Ausland endete in einer Katastrophe: Ein deutscher Arzt hat in England einen Patienten mit einer Überdosis Schmerzmittel getötet. In Deutschland praktiziert er weiter.

Ein übermüdeter Vertretungsarzt aus Witten hat mit einem Behandlungsfehler den Tod eines 70 Jahre alten Patienten in England verursacht und damit die Aufsichtsbehörden aufgeschreckt. Der Rentner wurde von dem deutschen Mediziner im Februar 2008 in seinem Haus im ostenglischen Manea wegen starker Nierenschmerzen behandelt. Dieser hatte seinem Patienten laut einem Bericht des englischen Guardian 100 Milligramm des Schmerzmittels Diamorphin verabreicht, das Zehnfache der Maximaldosis. Diamorphin ist die chemische Bezeichnung für Heroin.

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Der Arzt war erst am Tag vor dem Vorfall in England gelandet. Nach nur drei Stunden Ruhezeit begann er seinen Dienst als Vertretung für Hausbesuche außerhalb der Praxis-Öffnungszeiten. Er sei "zu müde" gewesen und habe zwei Medikamente verwechselt, schrieb er laut Guardian später in einem Entschuldigungsbrief an die Familie des Opfers. Der Arzt hatte den Angaben zufolge mehr als 20 Jahre Berufserfahrung.

Einen Tag später wurde der Doktor vom Dienst suspendiert und ihm verboten, weiter auf der Insel zu praktizieren. Die Polizei der Grafschaft Cambridgeshire leitete ein Ermittlungsverfahren ein.

Ein Auslieferungsersuchen der Briten lehnten die deutschen Behörden im Februar allerdings ab - und verwiesen auf ein in Deutschland laufendes Verfahren. Im April wurde der Arzt zu einer Strafe von neun Monaten auf Bewährung und einer Geldstrafe von 5000 Euro verurteilt, wie ein Sprecher der Bochumer Staatsanwaltschaft sueddeutsche.de bestätigte.

In Deutschland erregte der Fall bislang dennoch kaum Aufsehen: Der Verurteilte hat seine Zulassung behalten und betreibt mittlerweile eine Praxis für Allgemeinmedizin und Schönheitschirurgie.

Die englische Gesundheitsbehörde NHS äußerte sich enttäuscht, dass der deutsche Arzt sich nicht vor einem Gericht des Landes verantworten musste, in dem er die Tat begangen hat.Die britische Staatsanwaltschaft will nun laut Guardian die europäische Justizbehörde Eurojust anrufen, die zwischen beiden Ländern vermitteln soll.

Britische Krankendienste in der Kritik

Der Fall wirft die Frage nach einer strengeren Überwachung der unabhängigen Krankendienste auf, die abends und am Wochenende Ärzte an Patienten vermitteln. Peter Walsh, Geschäftsführer der Organisation "Action against Medical Accidents" forderte den NHS auf, alle Firmen dieser Art zu überprüfen, mit denen Verträge bestehen. Walshs Gruppe setzt sich für die Opfer von Behandlungsfehlern ein.

Die Qualitätskommission des britischen Gesundheitsamtes erklärte, dass bei ihr schon mehrfach Beschwerden über den Dienst eingegangen seien, die den Deutschen vermittelt hatte. Deshalb werde sie den Fall gründlich untersuchen und notwendige Konsequenzen daraus ziehen, sagte eine Sprecherin dem Guardian.

Unter deutschen Medizinern ist das von chronischem Ärztemangel geplagte Großbritannien neben der Schweiz, Österreich und den USA das beliebteste Abwanderungsland.

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(sueddeutsche.de/grc/jab)