Von Jürgen Schmieder

Die Frau, die bei Johannes B. Kerner saß, war nicht die unschuldige naive Verona - es war die ernste und traurige Frau Pooth.

Es gab einmal eine Verona Pooth, die in einer Welt ohne Probleme lebte. Die grammatikalische Schwächen mit einer Pieps-Stimme übertönte. Die Anschuldigungen von Alice Schwarzer mit einem Augenzwinkern abtat. Die mit ihrer Naivität kokettierte und stets blendend aussah. Es war eine mitunter nervige Verona Pooth, aber es war eine glückliche Verona Pooth.

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"Zwei getrennte Paar Schuhe" - mit der Firma ihres Mannes hat Verona Pooth nach eigener Aussage zu "100 Prozent nichts zu tun". (© Foto: dpa)

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Die Frau, die gestern bei "Johannes B. Kerner" saß, war nicht Verona Pooth. Es war ein Häuflein Elend verkleidet als Verona Pooth. Da saß eine Frau mit verquollenen Augen, auffallend wenig Make-up und einer auffallend unauffälligen Frisur. Diese Frau wollte sich rechtfertigen über das, was in den vergangenen Tagen über sie und ihren Mann Franjo Pooth in den Zeitungen geschrieben wurde.

Diese Frau sprach mit einer tiefen Stimme, die man so aus ihrem Mund noch nicht gehört hat. Sie sprach leise, ohne Fehler - sie schien zuvor über jeden Satz nachgedacht zu haben. Verona Pooth hätte geplaudert und geplappert, aber diese Frau sprach anders, auch inhaltlich.

Helfender Kerner

"Wir sind keine kriminelle Familie, und Franjo hat keine kriminelle Vergangenheit", sagte die 39-Jährige. Die Durchsuchungsaktion in ihrer Düsseldorfer Villa am Donnerstag habe sie "geschockt". "All diese Vorwürfe, die zur Zeit noch geprüft werden, sind ja Vorwürfe, die wir in unserem Leben nicht gewöhnt sind." Sie gab an, dass es ihrem Mann Franjo sehr schlecht ginge, dass sie zum ersten Mal seit vier Jahren wieder eine Zigarette geraucht habe und dass ihre Gedanken nicht mehr unbeschwert seien.

Es half ihr bei diesem Interview, dass Johannes B. Kerner kein Journalist, sondern ein angenehmer Fragensteller und Kopfnicker war. Kerner bohrte nicht nach, als sich das Gespräch um eine mögliche Insolvenzverschleppung drehte, er sprach die Ungereimtheiten in diesem Fall nicht an. Sein Lieblingswort an diesem Abend war "Mhm" verbunden mit einem Lächeln und einem Kopfnicken, als wolle er sagen: Keine Sorge, Verona, ich hake nicht nach. Alles wird gut.

Verona Pooth indes wetterte gegen die Presse und den Maulwurf, der den Zeitungen Interna zugespielt hatte - etwa, dass private Ausgaben der Familie Pooth von der inzwischen insolventen Firma bezahlt worden seien. In diesem Moment wurde Pooth wieder zur naiven Verona, als sie erklärte, dass der Buchhalter vergessen habe, sie darauf hinzuweisen. "So eine Kleinigkeit", sagte sie. Aha.

Sie hatte auch eine Bitte an die Boulevardpresse: "Bitte macht ihn nicht fertig!" Hier hätte Kerner einhaken müssen: Verona Pooth wurde mit Hilfe der Boulevardpresse ein Star, sie bediente die Boulevardpresse, um im Gespräch zu bleiben, nur aufgrund ihres Bekanntheitsgrades - bedingt durch die Boulevardpresse - konnte ihr Ehemann sein Geschäft aufbauen und wichtige Kontakte knüpfen. Und nun fühlt sie sich von eben dieser Boulevardpresse verfolgt? "Ich bin 19 Jahre in diesem Geschäft", sagte sie am Anfang des Gesprächs. "Ich habe eine Menge gelernt." Aber anscheinend nicht, wie die Boulevardpresse funktioniert.

Sie selbst habe mit der Firma ihres Mannes "100 Prozent nichts zu tun", das seien "zwei getrennte Paar Schuhe". Ihr Mann dürfe derzeit keine Interviews geben, "aber wir sind nicht untergetaucht, wie alle behaupten". Von den Steuervorwürfen wollte sie nichts wissen: "Wir haben auch kein Konto in Liechtenstein. Wir haben bis zum heutigen Tag wirklich beide jeden Euro versteuert".

Aus Verona wurde Frau Pooth

Verona Pooth nutzte den öffentlichen Auftritt, um ihren Ehemann zu verteidigen. "Er hat in seinem ganzen Leben nichts Unrechtes getan." Dann wurde ihr Blick noch ernster als zuvor, sie sah Kerner traurig an, dann sah sie ins Publikum. "Ich bin belastet und unglücklich. Ich hoffe, dass Franjo wieder so wird, wie er einmal war", sagte sie. Ein Satz, gesprochen von einer unfasslich traurigen Frau. Ein Satz, der zusammenfasst, wie es dieser Frau im Moment geht.

Verona Pooth, das wurde in diesem Gespräch klar, ist nicht mehr die unschuldige Verona. Sie ist nun Frau Pooth. Sie muss klarkommen damit, dass die Firma ihres Mannes insolvent ist und dass die Staatsanwaltschaft ermittelt. Und sie muss auch damit klarkommen, dass alle Medien, die über die glückliche Verona berichteten, nun auch über die unglückliche Frau Pooth berichten.

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(sueddeutsche.de/cag)