Adoption Süßer Anfang, harter Alltag

Deutsche Fachberatungen warnen davor, allzu naiv an Adoptionen heranzugehen.

Von Cathrin Kahlweit

Strahlende Kinder, selige Eltern - in der Phantasie und den Prospekten von Vermittlungsagenturen wirken Adoptionen häufig so, als lösten sie emotionale Probleme auf beiden Seiten: Kinder bekommen endlich ein Zuhause, kinderlose Paare endlich Nachwuchs.

Deutsche Fachberatungen warnen jedoch davor, allzu naiv an Adoptionen heranzugehen. In Studien aus Schweden wie aus den Niederlanden wurde nachgewiesen, dass ausländische Adoptivkinder häufig seelische Probleme haben; fast vier mal höher als bei in Deutschland geborenen Kindern sei das Risiko eines Selbstmordversuches, drei mal häufiger die Gefahr einer psychischen Erkrankung, fünf mal so stark die Gefahr einer Drogenabhängigkeit.

Maria Tepper, die im Frankfurter "Zentrum Familie" des Hauses für Volksarbeit Vorbereitungsseminare sowie Nachsorgetreffen für Adoptionswillige anbietet, kennt diese "drastischen Zahlen", und sie kennt überdies die ganz normalen, unterschätzten Alltagsprobleme mit adoptierten Kindern aus fremden Kulturen.

Bisweilen, sagt sie, fragten Paare nach kleinen Kindern, entschieden sich dann für ältere. "Zuletzt kam ein Paar mit neun- und elfjährigen Geschwistern aus Russland zurück. Sie hatten aber unterschätzt, dass die Elfjährige schon fast in der Pubertät war. Die Zeit die Ablösung kommt da schneller, als eine Bindung aufgebaut werden kann."

Liebe zu kleinen Kindern sei leichter zu entwickeln, so Tepper; je älter, desto schwerer die Herausforderung für beide Seiten.

Viele Eltern seien zudem überfordert, wenn ihr farbiges Kind auf der Straße diskriminiert werde, andere kämen nicht damit zurecht, dass ihre Adoptivkinder unerwartet stark entwicklungsverzögert seien. Schwierig sei ebenso die Entscheidung, wie viel kultureller Hintergrund aus dem einstigen Heimatland des Kindes bewahrt und gepflegt werden müsse.

"Viele Kinder wollen ihre Muttersprache nicht mehr sprechen, sie wollen sich ja eingliedern. Aber wenn sie älter werden, kommen die Fragen- wo komme ich her, wo gehöre ich hin, warum habt ihr mir das angetan?"

Ein Drittel der Klientel, die in den Seminaren der Frankfurter Adoptionsspezialistin sitzt, ist an einer Auslandsadoption interessiert. Leider aber sei mit den steigenden Zahlen bisher nicht auch die Zahl der Betreuungsangebote gestiegen, stellt Tepper fest.

Seit der Ratifizierung der Haager Konvention habe sich in Deutschland mit der Adoptionsvermittlung ein neues Arbeitsfeld für freie Träger entwickelt. Doch erst in zehn, vielleicht 20 Jahren werde sich zeigen, welche Probleme mit der wachsenden Zahl an Auslandsadoptionen einhergehe.

Die Studie aus Schweden, für die vor vier Jahren der Lebensweg von 11 000 ausländischen Adoptivkindern untersucht worden war, hat jedoch schon jetzt ein weiteres Problem an den Tag gebracht: Angenommene Kinder haben es in wohlhabenden Familien schwerer als in Arbeiterfamilien.

Gut situierte Eltern hätten, so die Wissenschaftler, höhere Ansprüche an ihren Nachwuchs; oft aber könnten Adoptivkinder, die wenig gefördert und in früher Kindheit womöglich mangelernährt waren, diese Ansprüche nicht erfüllen. So sei die Enttäuschung vorhersehbar.