Abtreibungsgesetze in Lateinamerika Dein Bauch gehört uns

Eine Elfjährige wird vergewaltigt - und Chiles Präsident Piñera lobt sie dafür, dass sie das Kind austragen will: Selbst nach Vergewaltigungen sind Abtreibungen in Teilen Lateinamerikas strikt verboten - doch immer mehr Staaten reagieren nun auf solche Tragödien.

Von Peter Burghardt, Buenos Aires

Wenn Chiles Regierung in sozialen Fragen das Wort erhebt, dann wird es oft abenteuerlich. Präsident Sebastián Piñera vertritt den rechten Flügel einer der konservativsten Gesellschaften Lateinamerikas. Seinen glorreichsten Moment hatte er 2010 bei der telegenen Rettung der verschütteten Minenarbeiter im Norden des Landes, ansonsten neigt er eher zu skurrilen Aussagen aller Art.

Nun verblüffte der steinreiche Unternehmer die Welt mit seinem Lob für eine Elfjährige, die von ihrem Stiefvater vergewaltigt wurde und jetzt im vierten Monat schwanger ist. Das Mädchen berichtete im Fernsehen, sie wolle das Baby bekommen. Daraufhin verkündete Piñera in einem Interview, an erster Stelle stehe zwar das Leben der Mutter, doch er schwärmte, ihr Wunsch beweise "eine Tiefe und Reife."

Tiefe und Reife eines missbrauchten Kindes, das ein Kind zur Welt bringen will? Kürzlich war der Fall Belén bekannt geworden und spaltet seither die südamerikanische Republik in zwei Lager. Das Opfer wohnt in Puerto Montt, 1000 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago de Chile, wo das Land in die Fjorde und Inseln Patagoniens zerklüftet ist. Die Verhältnisse in dem Ort mit seiner halb verfallenen Lachs- und Holzindustrie sind vielfach prekär, die junge Belén wurde von ihrem Stiefvater geschändet.

Die Mutter behauptete im TV-Sender Canal 13, das sei freiwillig geschehen. Die Tochter bestritt das in demselben Kanal, sagte aber: "Ich werde das Baby sehr lieb haben, auch wenn es von diesem Mann kommt, der mir weh tut. Ich werde es wie eine Puppe in meinen Armen halten."

Rechtlich hat sie derzeit auch keine andere Möglichkeit, als sich mit den Folgen der Gewalt im Elternhaus abzufinden. Abtreibungen sind in Chile selbst nach Vergewaltigungen verboten und sogar dann, wenn die Gesundheit der Schwangeren und des Fötus in Gefahr sind. Die Nation zwischen Anden und Pazifik ist da genauso streng wie El Salvador und Nicaragua. Erlassen worden war das Reglement von Diktator August Pinochet, und ganz im Sinne der Katholischen Kirche und reaktionärer Politiker wurde auch diese Fessel mehr als 20 Jahre nach dem Ende des Regimes nicht gelöst.