Abriss des Frankfurter Uni-Hochhauses Turm der Zumutung

Der 1972 gebaute AfE-Turm der Goethe-Universität in Frankfurt am Rande des alten Uni-Geländes im Stadtteil Bockenheim

Am Sonntag wird das Hochhaus der Frankfurter Goethe-Universität gesprengt. 116 Meter hoch, scheußliche Fassade, beschmierte Wände - aber eben doch Hort der Freiheit für Generationen von Studenten. Erinnerungen an ein schrecklich schönes Gebäude.

Von Susanne Höll, Frankfurt am Main

Wäre der Beton-Turm in der Mitte von Frankfurt ein Stück kürzer, würde sich das Interesse an seinem Schicksal in Grenzen halten. Aber der Klotz ist nun einmal 116 Meter hoch. Er ist keine Augenweide, beileibe nicht, sondern verschrien bei den Einheimischen, aber auch bei Abertausenden junger Leute, die seit Anfang der 70er Jahre dort vor allem Gesellschaftswissenschaften, Pädagogik und Psychologie studierten. Am Sonntag soll der Brutalismus-Bau in die Luft gejagt werden. Zum Ende seiner Existenz schreibt der AfE-Turm (AfE ist die Abkürzung für Abteilung für Erziehungswissenschaften) sogar Geschichte: Nie zuvor wurde in Europa ein höheres Gebäude gesprengt.

Tausende Schaulustige werden zu dem Spektakel erwartet; Spreng-Touristen, sozusagen, die manchmal lange Wege in Kauf nehmen, um Augenzeuge einer Zerstörung zu sein. Die interessiert die Geschichte des Bauwerks weniger, viel mehr schon die Frage, ob man anständig zuschauen und fotografieren kann. Dabei wird vor ihren Augen eines der, wenn man so will, größten inoffiziellen Graffiti-Archive der Bundesrepublik Deutschlands verschwinden.

Das größte inoffizielle Graffiti-Archiv

Denn der Turm mit seinen 38 Stockwerken wurde von Studentengenerationen bemalt, verziert und ja, beschmiert. Die Foyers, die Toiletten, Wände, Spinde, alles übersät mit Parolen und Kritzeleien, manche künstlerisch, viele belanglos, etliche politisch, andere amüsant, daneben natürlich auch viel dummes Zeug.

Schon die ersten Studenten, die 1972 einzogen, hinterließen an den Wänden ihre Spuren, die junge Leute heutzutage kaum noch deuten können. "Keinen Pfennig für das Thieu-Regime", steht in roten Lettern an einer Wand. Thieu? War der Präsident des mit den USA verbündeten damaligen Südvietnams, der um keinen Preis Frieden mit dem Norden des Landes schließen wollte. Er verließ sein Land 1975.

Später kamen die Solidaritätsbekundungen für die Mitglieder der Terrorgruppe RAF hinzu, Grüße an die damals Hungerstreikenden, Kapitalismuskritik in allen Formen. Und einige der Kritzler waren auch witzig, zumindest nicht bierernst. Der Mahnung eines Vegetariers: "Esst kein Fleisch", fügte ein anonymer Schreiber hinzu: "Ohne Barbecue-Sauce."

Und vor gut einem Jahr, als das Ende des Turms schon beschlossene Sache war und der Umzug der Studenten auf den neuen Campus der Wolfgang-von-Goethe-Universität ins Frankfurter Westend besiegelt, erhielt der Klotz eine geradezu poetische Widmung. In einer nächtlichen Aktion schleppten Studenten Farbtöpfe die Treppen hoch und malten in weißen Lettern das Wort "Elfenbein" auf die Fassade.