In Vorpommmern sieht man dem Bush-Besuch skeptisch entgegen. Manche wollen protestieren, wenn die Kanzlerin dem Präsidenten Stralsund zeigen wird - doch die meisten dulden still.
Rekruten der Marinetechnikschule in Stralsund: 350 zivil gekleidete Soldaten aus der Marineschule sollen beim Bush-Besuch ein dankbares Publikum bilden. Foto: ddp
Was George W. Bush wohl von Wolfhard Molkentin halten wird? Vielleicht bereiten ihn seine Einflüsterer ja auf die Begegnung mit dem gedrungen wirkenden Mann vor, dessen Augenbrauen so wild wuchern wie die des früheren Finanzministers Waigel.
Auf Bushs Spickzettel könnte also in etwa dies stehen: "In Nordvorpommern, wo die Sozialistische Einheitspartei (SED) unangefochten herrschte, fungierte M. zu DDR-Zeiten als stellvertretender Leiter einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG).
Weil die DDR weitgehend vom Weltmarkt abgeschnitten war, besaßen die LPGen überragende Bedeutung für die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln. M. gibt an, intern gelegentlich Kritik an Missständen geäußert zu haben. Als Regimegegner könne man ihn aber sicher nicht bezeichnen."
Well, könnte Bush sich nun fragen, warum lädt meine Freundin Angela denn so einen Apparatschik zum Barbecue ein?, um dann weiterzulesen: "Seit 1990, dem Jahr der ersten freien Wahlen, hält M. für die CDU das Amt des Landrats von Nordvorpommern. Die Hansestadt Stralsund sowie die Landkreise Nordvorpommern und Rügen bilden Bundeskanzlerin Angela Merkels Wahlkreis. M. bezeichnet es als ,vorrangige Aufgabe, Angela Merkel zu schützen‘".
So könnte es da stehen. Und wenn es George Bushs Berater gut meinen, belassen sie es bei diesen dürren Anmerkungen. Sie dürften verwirrend genug sein für jemanden, der Ostdeutschland zum ersten Mal bereist.
Am kommenden Donnerstag empfängt Bundeskanzlerin Angela Merkel den US-Präsidenten in ihrem Wahlkreis. Der heißt Stralsund-Nordvorpommern-Rügen, trägt die Nummer 015 und hängt ganz oben rechts auf der Deutschlandkarte.
Im brandenburgischen Templin aufgewachsen, hat sich Merkel nach der Wende hier die Parteibasis organisiert, die sie brauchte, um in der CDU voranzukommen. Tags in Stralsund und abends in Trinwillershagen will sie George W. Bush nahe bringen, wie Ostdeutsche vor 1990 gedacht haben, wie sie seit 1990 denken–und dass das andere mit dem einen manchmal zusammenhängt. Schlafen wird der Präsident übrigens in Heiligendamm, was auch an der ostdeutschten Küste liegt, nur knapp hundert Kilometer weiter westlich.
Stralsund also. Die große Blüte liegt Jahrhunderte zurück. Zur Zeit der Hanse hatte sich die Stadt vor Lübeck, der Schwester im Westen, nicht verstecken müssen. Als die Hanse nach der Entdeckung Amerikas entzweibrach, verlor Stralsund an Bedeutung.
Heute leidet die Stadt unter der enormen Arbeitslosigkeit. Im Jahresdurchschnitt sind es hier 23 Prozent. Hatten vor der Wende auf der Volkswerft noch fast 8000 Arbeiter Fischtrawler für die Sowjetunion zusammengeschweißt, sind für den Bau moderner Containerschiffe heute nur noch 800 Leute nötig.
Um Touristen anzulocken, vermarktet die Hansestadt ihre Vergangenheit. Viel Geld ist in die Restaurierung alter Bürgerhäuser geflossen, die in der DDR oftmals dem Verfall preisgegeben waren. Seit vier Jahren zählt die Unesco Stralsund zum Weltkulturerbe.
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