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Die Gewalt der Verwirrten
Nach dem Amoklauf in Finnland
08.11.2007, 17:11
Finnland ist seit Mittwoch eine Gesellschaft im Schock. Das Land ist erschüttert von den Bildern eines Amokläufers, der mit einer Mordwaffe posiert. Warum tötet ein 18-Jähriger wahllos Mitschüler? Und warum gerade in Finnland? Das skandinavische Land ist für sein vorbildliches Schulsystem bekannt, Politiker - auch aus Deutschland - pilgern in Scharen nach Norden, um vom Pisa-Studien-Musterland zu lernen. Die Finnen waren stolz darauf.
Aber auch die gutausgebildeten Lehrer, die Psychologen, die Sozialarbeiter, für die das finnische System stets gelobt wird, haben den Schüler Pekka-Eric A. nicht davon abhalten können, zum Massenmörder zu werden. Vielleicht wird man deshalb bald noch ein paar Verbesserungen vornehmen und die Gymnasien erneut üppiger ausstatten.
Aber selbst die beste Schule der Welt ist keine Garantie gegen Wahn und Wirrnis. Schulfrust spielt in den Aufzeichnungen, die der Täter vor dem Massaker im Internet hinterlegt hat, auch gar keine Rolle.
Wohl aber fanden sich in seiner abstrusen Datensammlung Szenen aus Gewaltfilmen und brutalen Computerspielen. Ähnliches Material tauchte im Zusammenhang mit den Schul-Amokläufen in Deutschland und den USA auf. Wie damals wird sich auch jetzt die Frage stellen, ob es Filme und vor allem Videospiele waren, die aus dem Schüler einen jugendlichen Mörder machten.
Im Vergleich zu Deutschland gehen die nordischen Ländern sehr liberal mit gewaltverherrlichender Computer-Software um. Was deutsche Politiker als "Killerspiele‘‘ geißeln, wird etwa in Schweden mit Rezensionen im Kulturteil der Tageszeitungen bedacht. Vielleicht wird der Amoklauf von Tuusula zu einer etwas kritischeren Haltung führen. Ein Killerspiel-Verbot, wie es einige deutsche Politiker immer wieder fordern, wird es aber wohl nicht geben.
Eine solche Zensur würde der starken Tradition von Meinungs- und Pressefreiheit in Skandinavien widersprechen. Überdies ist der Zusammenhang zwischen Amoklauf und digitaler Ballerei umstritten - Jugendliche in aller Welt spielen am Bildschirm, ohne Spiel und Wirklichkeit zu verwechseln.
Aber es bleibt die Frage nach der Waffe, und hier gibt es eine finnische Besonderheit: Das Land, das eine große Armee und eine stolze Jagdtradition hat, ist nach den USA und dem Jemen der Staat mit den meisten Schusswaffen pro Einwohner. Der Amokläufer kaufte seine Pistole im örtlichen Fachhandel, die Erlaubnis dazu hatte er von einem Schützenverein erhalten.
Ministerpräsident Matti Vanhanen deutete nach der Bluttat an, die Waffengesetze verschärfen zu wollen. Das ist gewiss sinnvoll, eine Absicherung gegen Amokläufe aber ist auch das nicht. Wenn es überhaupt etwas gibt, solche Schüler-Massaker zu verhindern, dann sind es wohl viele Schritte. Verwirrte Jugendliche brauchen mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung und vor allem erwachsene Vorbilder, die zeigen, wie man Konflikte ohne Gewalt löst.
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