Von Rolf Thym

Erst war es wie in einem Wintermärchen. Doch inzwischen kämpft Niederbayern mit der größten Schneekatastrophe seit über 25 Jahren.

Schneekatastrophe

Die Helfe kommen mit dem Schneeschippen kaum nach (Foto: dpa)

Auf gute Freunde ist eben Verlass in der Not. Bis nach Rostock hat sich herumgesprochen, dass Niederbayern von der schlimmsten Schneekatastrophe seit 1979 heimgesucht wird. Da überlegten die Soldaten vom Tender Donau des 2. Schnellbootgeschwaders nicht lange: Deggendorf ist die Partnerstadt des Versorgungsschiffes, und so schickte Kapitänleutnant Hauke Bunks 14 Mann und eine Frau auf die 792 Kilometer lange Busfahrt in die niederbayerische Donaustadt.

Anna Eder, die Deggendorfer Oberbürgermeisterin, findet die Hilfe der Rostocker Marinesoldaten "süß - das ist momentan mein einziges Highlight. Es ist schlimm, und es wird von Minute zu Minute immer schlimmer. Jetzt bin ich 55 Jahre alt, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt."

Die Angst vor der weißen Last

In fünf niederbayerischen Landkreisen und dem oberpfälzischen Kreis Schwandorf wurde Katastrophenalarm ausgelöst: In manchen Regionen liegt bei Temperaturen um den Nullpunkt der schwere, nasse Schnee mannshoch. Unzählige Dächer von Firmenhallen, Schwimmbädern, Eishallen, Schulen, Supermärkten und Wohnhäusern mussten in den vergangenen drei Tagen freigeschaufelt werden - manche schon zum zweiten Mal. Es ist wie in der griechischen Sisyphos-Legende.

Es schneit und schneit und das Schippen nimmt kein Ende. Ein Gespür für Schnee ist gefragt: Statiker sind unterwegs, um zu berechnen, wie viel Druck die gefährdeten Dächer noch aushalten. In der Krisenregion sind bereits etliche Dächer eingestürzt - allein im Deggendorfer Stadtgebiet brachen zwei große Lagerhallen in sich zusammen. In Bayern haben die gefährlichen Räumarbeiten bislang ein Todesopfer und wahrscheinlich 14 Verletzte gefordert.

Selbst die schneeerfahrenen Menschen im Bayerischen Wald treibt die Angst vor der weißen Last um: Im Landkreis Regen ist eine groß angelegte Evakuierung von Wohnhäusern zu befürchten. Überall sind Schaufeln und große Schneeschieber ausverkauft. In Supermärkten kam es kurzzeitig zu Versorgungsengpässen, weil Logistiktrupps des Bayerischen Roten Kreuzes und der Malteser massenhaft Lebensmittel für die Versorgung der Helfer brauchen, deren Zahl inzwischen in die Tausende geht: Im Schaufel-Einsatz sind Bundeswehr, Feuerwehren, Technisches Hilfswerk und Bundespolizei. Viele von ihnen "arbeiten bis an ihre Grenzen", sagt Eduard Bosch vom Landratsamt in Passau.

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Bildstrecke Winterchaos Rahmen
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Am Donnerstag waren es noch etwa 400 Gebäude, die allein im Kreis Passau auf ihre Standfestigkeit überprüft und freigeschaufelt werden mussten - am Freitag waren es schon an die 500. In Niederbayern und der Oberpfalz wurden Schulen und Kindergärten geschlossen - wegen zu hoher Dachlasten oder weil Schulbusfahrten zu riskant waren.

Zum Kampf gegen den Schnee auf Dächern gesellt sich nun auch noch die immer ernster werdende Verkehrslage: Die Behörden raten grundsätzlich von nicht unbedingt notwendigen Autofahrten im Bayerischen Wald ab, zahlreiche Straßen sind gesperrt. Ein Polizeisprecher ärgert sich maßlos über "hirnverbrannte" Lastwagenfahrer, die das Schneekettengebot missachten, das in weiten Teilen des bergigen Bayerischen Waldes gilt. Die Fahrer schwerer Räumfahrzeuge haben derzeit wahrlich andere Sorgen, als liegen gebliebene Transporter wieder flott zu machen.

Das Hoch "Friedhelm" soll helfen

Aus der Gemeinde Schaufling kam der Hilferuf nach Fräsen. Der Ort versinkt im Schnee. Rund um die Glasmacherstadt Zwiesel, wo beim Einsturz einer Lagerhalle Glaswaren im Gesamtwert von 150 000 Euro zu Bruch gingen und die Schneemassen in Bahn-Güterwaggons weggefahren werden mussten, waren Bundes- und Ortsverbindungsstraßen teilweise nur noch einspurig befahrbar. Am Freitagmittag wurde dann auch noch der Zugverkehr auf den vier Strecken eingestellt, die in die Bayerwald-Ferienorte führen - ein Bus-Ersatzverkehr war wegen Straßensperren nicht möglich.

Im Deggendorfer Bahnhof, wo in Richtung Bayerischer Wald vorläufig Endstation ist, verteilte die Bahn an angereiste Urlauber Brotzeiten - verbunden mit der dringenden Empfehlung, umgehend die Heimreise anzutreten. Zumindest leichte Entspannung ist in Sicht: Von Samstag an wird das Hoch "Friedhelm", so sagen die Meteorologen voraus, den endlosen Schneefällen ein Ende bereiten.

(SZ vom 11./12.2.2006)

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