Wie aus "Kameraden" Todfeinde werden
Totes Baby in Baden-Württemberg
11.06.2008, 15:08
Im Internet: Morddrohungen gegen die Eltern des toten Babys. (Foto: Screenshot)
Neonazis und extreme Rechte geben sich gern als Familienfreunde. Sie buhlen mit Kampagnen wie "Todesstrafe für Kinderschänder" um Sympathien im bürgerlichen Lager.
So kann den Neonazis überhaupt nicht recht sein, was sich in der baden-württembergischen Kleinstadt Horb ereignet hat. Dort entdeckte eine Frau vor rund zwei Wochen ein totes Baby im Gefrierschrank - es stammt von ihrer künftigen Schwiegertochter und war wohl ihr Enkelkind.
Die 20-jährige Mutter J. zeigte sich bei der Polizei selbst an. Angeblich habe sie von ihrer Schwangerschaft nichts bemerkt - ebensowenig wie ihr 30-jähriger Partner W., der zur stramm-rechten Szene gehört. Auch die Kameraden aus der Neonazi-Szene wollen nichts bemerkt haben.
Es ist also keine biedere, bürgerliche Familie aus Horb am Neckar, die derzeit die Justiz beschäftigt. Die ahnungslose Verlobte, der nette Sohn, die tragische Mutter - dieses Idyll ist so nicht korrekt.
Offenbar lebt die 20-Jährige J. erst seit November 2007 in Horb. Die Automechanikerin soll hier in einer Autowerkstatt gearbeitet haben und ursprünglich aus Dietikon im Kanton Zürich stammen. Im Computer von J. will ihre Großmutter Neonazi-Dateien gefunden haben.
In bestimmten Foren diskutieren die Rechtsextremen immer wieder über den Fall. Die Schuldfrage schien rasch geklärt zu sein: "Ein bisschen Dachschaden hatte sie schon immer", schrieb "Sachsenmädel" über die Mutter des toten Babys, die derzeit in Untersuchungshaft sitzt. Die Verdächtige habe "selber noch zu mir gesagt, dass alle Kindsmörder erschossen gehören", wundert sich in dem Forum die offenbar gut Informierte. Ihr Verlobter sei von vielen vor J. gewarnt worden.
Im Fall des toten Babys haben die Neonazis jedoch inzwischen festgestellt, dass alles auch ganz anders gewesen sein könnte - und die Realität womöglich nicht ganz ins eigene ideologische Weltbild passt. Denn ihr Horber Kamerad W. - der Vater des toten Babys - wurde nur so lange als vermeintlich armer Kerl gehandelt, der auf seine Verlobte hereingefallen ist, bis sich eine Person namens "Hate Princess" in die Internet-Diskussion einmischte.
Sie präsentierte sich als "die Ex vom Arsch" und erzählte, sie habe ein Kind von ihm, das sie alleine aufziehen müsse. Vor allem widersprach "Hate Princess" der Version, die das Horber Paar offenbar der Polizei erzählt hat - nämlich, dass sie die Schwangerschaft nicht bemerkt hätten. Sie erklärte im Internet: "Er hat mir letztes Jahr das selber gesagt, dass sie schwanger ist. Das war im August. Ich dachte, er macht einen Scherz, um mich zu ärgern." Andere Neonazis könnten diese Darstellung angeblich bestätigen. Mehreren Schweizern soll der Mann aus Horb von der Schwangerschaft erzählt haben.
"Hate Princess" überlegt sogar, ob der "Kamerad" seiner Verlobten gedroht haben könnte: "Wie oft hat W. mir gesagt: 'Treib ab, ich will kein Kind, bringe dich um, ich schlitze dich auf!'" Sie habe sich nicht einschüchtern lassen.
Auch "Sachsenmädel“ will inzwischen erfahren haben, dass der Horber "definitiv" von der Schwangerschaft wusste. Sie habe zwischenzeitlich sogar mit ihm gechattet. Auf das tote Baby angesprochen, habe er geantwortet: "Es ist vieles an Übertreibung dabei. Aber ich kann nichts sagen.“ Eine Antwort, die "Sachsenmädel“ entsetzt hat. Sie fügt hinzu: "Ich selbst weiß auch, dass er den Arm gegenüber Frauen erhebt. J. durfte es auf Feten und so weiter ab und an mal spüren." W. habe keine weiteren Kinder gewollt.
Die Beschuldigungen sind anonym, der Wahrheitsgehalt lässt sich nicht überprüfen. Allerdings fällt auf, dass die Teilnehmer des Forums erstaunliche Detailkenntnis haben.
Die Freudenstädter Polizei und die Rottweiler Staatsanwaltschaft werden klären müssen, was an den Vorwürfen dran ist. Bleibt der mutmaßliche Vater des Babys nur Zeuge? Die Ermittler haben in der vergangenen Woche ein Rechtshilfe-Ersuchen an ihre Schweizer Kollegen gestellt. Jene sollen sich beispielsweise in der Familie der 20-jährigen Tatverdächtigen J. umhören. Es geht unter anderem darum, ob sie - entgegen ihrer Aussage in Deutschland - schon einmal schwanger gewesen sei und ein Kind zur Welt gebracht hat.
W., der Horber Verlobte der jungen Frau, hat allem Anschein nach seit mehr als zehn Jahren in der Neonazi-Szene verkehrt. Nach Auskunft seiner bisherigen "Kameraden" sei er Sänger der Band Sturmpropheten. Dazu befragt, verweigern das Landesamt für Verfassungsschutz und das Innenministerium in Baden-Württemberg jede Auskunft. Sie wollen nicht einmal bestätigen, ob ein Mann aus Horb in der Musikgruppe spielt - weil das eine "personenbezogene Auskunft" sei.
Die Behörden fürchten die Enttarnung des Rechtsrockers selbst ohne Namensnennung, weil Horb "nur" rund 25.000 Einwohner hat. Ansonsten hat der Verfassungsschutz aber keine Hemmungen, Neonazi-Bands ihren Herkunftsgemeinden zuzuordnen. Die Band Sturmpropheten ist laut seinem Bericht beispielsweise eine Calwer Band. Den Gruppen-Mitgliedern von dort droht offenbar keine Enttarnung.
Es gibt nun aus der Neonazi-Szene bereits Todesdrohungen gegen den mutmaßlichen Sänger der Sturmpropheten. Ein Schweizer namens "Matze“, der den Horber angeblich seit mehr als zehn Jahren kennt, schreibt: "Da muss was passieren, und zwar so, dass auch der Letzte in der Bevölkerung sieht, dass wir sowas nicht dulden." Er schließt seine Polemik mit: "Heil Hitler!"
Dieser Schweizer Neonazi präsentiert sich im Internet mit einem Sturmgewehr vor eine Hakenkreuz-Flagge. Kommt es womöglich zur internen Gewalt in der rechtsextremen Gruppe?
Der Journalist und Autor Andreas Speit resümiert in seiner Broschüre "Mythos Kameradschaft": "Wo Gewaltfähigkeit und Gewaltbereitschaft zur Politik und Selbstinszenierung einer Gruppe gehören, bedroht sie nicht nur die ideologisch ausgemachten Feinde. Sie richtet sich auch gegen die eigenen 'Kameraden'."
Speit berichtet des Weiteren von Fällen gruppeninterner Gewalt in der "rechten Szene" - sie würden "von Misshandlungen, Vergewaltigungen bis hin zu Morden" reichen. Der Babyfund von Horb hat nun die Scharfmacher alarmiert - und die Polizei dürfte neue Spuren verfolgen.
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