Während in der Norris Hall viele ihrer Kommilitonen starben, arbeitete Sabine Sibler nur einen Steinwurf entfernt in ihrem Labor. Zuerst gelassen, denn die 37-jährige Deutsche wusste nicht, was im Nebengebäude vor sich geht - doch das sollte sich schnell ändern. Hier erzählt sie ihre Geschichte.
Studiert Maschinenbau an der Virginia Tech: Sabine Sibler. Foto: privat
Alles begann am Montagmorgen mit einer Mail von der Campuspolizei. Ich arbeitete gerade allein in meinem Labor, als ich las, dass wir das Gebäude nicht verlassen sollen und dass wir vorsichtig sein sollen, weil wahrscheinlich ein bewaffneter Mann auf dem Campus unterwegs sei.
Trotzdem habe ich mir am Anfang nicht so große Gedanken gemacht, weil wir erst vergangenen Freitag wegen angeblicher Bomben umsonst aus dem Gebäude evakuiert worden waren.
Um ehrlich zu sein, war ich deshalb im ersten Moment sogar ein wenig genervt, weil ich dachte: "Die evakuieren uns jetzt wieder, und wir müssen schon wieder raus, und ich komme wieder nicht zum Arbeiten." Ich habe eben keine direkte Bedrohung wahrgenommen - und wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass es bereits den ersten Toten gegeben hatte.
Trotzdem bin ich erst mal raus aus meinem Labor und habe die anderen gefragt, was sie von der Mail halten. Aber auch die anderen Studenten haben alle einfach weitergearbeitet. Wir dachten: "Die sagen uns schon, wenn es irgendwas Ernstes ist."
Daher habe ich normal an meiner Magisterarbeit weitergeschrieben und nebenbei ein wenig die Mails verfolgt. Dann wurde offiziell, dass es einen Todesfall gab - und dass die Polizei schon jemanden in Gewahrsam genommen hat. Deshalb waren wir uns relativ sicher, dass der Spuk vorbei ist. Trotzdem haben wir natürlich versucht herauszufinden, wer der Tote ist, und was jetzt eigentlich los ist - zunächst allerdings ohne Erfolg.
Dann kam die erste Nachricht, dass auch im Nachbargebäude Norris Hall einige Schüsse gefallen sind, dass es also einen zweiten Tatort gibt. Als ich "Norris Hall" hörte, ist mir sehr mulmig geworden, weil das nur einen Steinwurf entfernt lag. Ich bin schnell aufgestanden, habe die Tür zugesperrt und mich via Skype (Anm. d. Red.: Ein Programm zum Austausch von Sofortnachrichten) mit den Leuten in meinem Stockwerk unterhalten, ob die mehr wissen als ich. Aber keiner wusste irgendwas.
Von einem Freund, der den Polizeifunk abhören konnte, hörten wir schließlich, dass es acht Verwundete gegeben habe. Darauf ging es los: "Mensch, wenn das doch mit der Bombendrohung zusammenhängt." Plötzlich war jeder angespannt. Plötzlich war es wirklich eine Bedrohung. Weil unsere Fenster zu hoch angebracht sind, konnten wir nicht rausschauen - in dem Moment ein echtes Problem.
Einige Zeit später haben draußen Lautsprecher der Polizei irgendetwas durchgesagt, was wir aber durch die geschlossenen Fenster nicht gut genug verstehen konnten. Ich rätselte: Wollen die, dass ich aus dem Gebäude rausgehe? Wollen die, dass ich in dem Gebäude drin bleibe? Ich wusste es nicht.
Kurz darauf gab es eine weitere Mail, in der von mehreren Verwundeten bei der zweiten Schießerei die Rede war. Da ist mir dann so mulmig geworden, dass ich zu meinem Kollegen ins Nachbarbüro gegangen bin.
Irgendwann mittags kam endlich eine Benachrichtigung über Mail, dass wir das Gebäude verlassen sollen. Darauf haben wir die Anderen auf unserem Flur angeschrieben: "Seid ihr bereit? Können wir gehen?" Ich war gestern mit dem Auto da und habe den anderen deshalb angeboten mitzufahren, um schnellstmöglich vom Campus zu verschwinden. Wir sind schließlich zu dritt aus dem Gebäude gegangen, und waren plötzlich umringt von Polizei und Sanitätern.
Studenten trauern an einer provisorischen Gedenkstätte an der Virginia-Tech-Universität Foto: ddp
Da steht man dann da: Man versucht, nicht wegzurennen und nicht zu gaffen. Und man begreift langsam, dass es wirklich ernst ist. Deshalb sind wir relativ flott zum Auto gegangen.
Im Auto war klar: Keiner will jetzt allein sein. Deshalb sind wir gegen 12:30 Uhr zu mir gefahren. Dort kam ein erster Anruf, der behauptete, dass es 20 Tote gegeben habe. Wir dachten noch: "Nein, das stimmt nicht. Das kann nicht so schlimm sein. Wir sind hier ja in Blacksburg in Virginia. So etwas passiert nicht bei uns."
Wir sind schließlich zu einem anderen Freund gefahren, der einen Fernseher besitzt. Dort saßen wir zunächst völlig fassungslos vor dem Gerät. Schnell kamen die Fragen auf: "Weißt du, wie es dem Markus geht? Hast du den Tom erreicht? Wo war Jim?"
Jeder saß also da mit seinem Laptop und mit seinem Handy und hat versucht, seine Freunde zu erreichen. Dann brach das Telefonnetz zusammen. Ich schrieb noch Mails an meine Familie und an meine Freunde in Deutschland, um Ihnen zu sagen, dass es mir gut geht, und dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchen. Anschließend sind wir zu einem zweiten Freund gefahren, weil wir erfahren hatten, dass viele unserer Kommilitonen dort versammelt sind.
Die Kommilitonen wussten ein bisschen mehr über die Lage, kannten die Namen von ein paar Toten - woraufhin die ersten Leute zusammenbrachen und weinten. Die Frau eines Studenten sagte, dass ihrem Mann in den Kopf geschossen wurde und er in einem sehr kritischen Zustand sei. Darauf folgten die die bizarrsten Gerüchte: Von "der XY ist rausgekommen" bis hin zu "der ist erschossen worden". Die Informationen waren so widersprüchlich, dass man nicht wusste, was man glauben sollte.
Langsam aber dämmerte uns, dass es um Dimensionen ging, die man nicht mehr begreift. Und dass wir alle definitiv Freunde verloren haben an diesem Tag. Meine engsten Freunde haben zwar alle überlebt. Aber sieben der Toten kenne ich gut, und von diesen sieben waren drei echte Freunde.
Es wäre für mich unerträglich, heute allein zu sein, deshalb treffe ich mich gleich noch mit anderen. Nachher werden wir zu einer Art Gedenkveranstaltung gehen.
Ob ich jemals wieder an die Universität zurückkehren werde, weiß ich nicht.“





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