Interview: Petra Steinberger

"Dies war eine der am wenigsten natürlichen Naturkatastrophen, die es je gab": Der Historiker und Soziologe Mike Davis spricht im SZ-Interview über Ursachen und Folgen der Flutkatastrophe in New Orleans.

Flutopfer AP

Opfer des Hurrikans "Katrina". (Foto: AP)

New Orleans ist das extremste Beispiel einer Entwicklung, vor der der amerikanische Stadtforscher und Historiker Mike Davis seit Jahren warnt: Verlust des öffentlichen Raums, Städte als Schlachtfelder des Verdrängungskampfes zwischen Armen und Reichen, Städte als Schauplätze der von Menschen verantworteten ökologischen Katastrophe. Mike Davis sieht im Untergang von New Orleans die Blaupause einer weltweiten Entwicklung.

SZ: Inwiefern ist die Katastrophe der letzten Tage symptomatisch?

Mike Davis: Vor einem Jahr wurde New Orleans vor dem Hurrikan Ivan evakuiert. Damals wurde die gesamte arme Bevölkerung der Stadt, die Alten, die ohne Auto und viele Schwarze, völlig alleingelassen. Das zeigt, dass dieses Verhalten typisch ist in der amerikanischen Politik. Es ist ein Unglück, das man seit Jahrzehnten voraussehen konnte.

SZ: Steckt dahinter Achtlosigkeit oder Absicht?

Davis: Es ist wie bei einer russischen Puppe. An erster Stelle steht die Vernachlässigung der Städte durch die Bundesregierung. Bush wurde in den Vorstädten und den edge cities, den Randstädten, gewählt, die großen Städte sind in der amerikanischen Politik zum Tabuthema geworden. Seit einer Generation wird nicht mehr in deren soziale und physische Infrastruktur investiert. Zweitens hat New Orleans mit den höchsten Anteil schwarzer Bevölkerung unter den amerikanischen Großstädten - und sie ist eine der ärmsten. Drittens weigert sich die Bush-Regierung, für dringend notwendige öffentliche Einrichtungen zu zahlen, während sie Milliarden in den so genannten Heimatschutz steckt. New Orleans ist seit Jahren berüchtigt, weil dort versucht wird, die arme schwarze Bevölkerung aus der Stadt zu vertreiben. Die Eliten, die über die Stadt herrschen, setzen sich zusammen aus der traditionell weißen Wirtschaftsschicht und einer kreolischen Politikerklasse. Das gemeinsame Ziel beider Gruppen ist es, New Orleans zu verbürgerlichen, ähnlich wie es in San Francisco geschehen ist.

SZ: Wie begann diese Vernachlässigung der Städte?

Davis: Präsident Nixon begann damit, öffentliche Mittel aus den Städten in die Vorstädte umzuleiten. 1978, in der zweiten Hälfte von Carters Amtszeit, stimmte der Kongress gegen viele Programme der Bundesregierung, die unter Kennedy und Johnson zur Unterstützung der Großstädte eingerichtet worden waren. Zwei Jahre später kam Reagan an die Macht und kürzte die Mittel noch einmal radikal. Das ging Hand in Hand mit der Veränderung der amerikanischen Wählerschaft, die inzwischen mehrheitlich außerhalb der Städte lebt. Und die Menschen dort wollen keinen Cent für die Städte ausgeben. Diese Ablehnung jeglichen Gemeinschaftssinns ist entstanden durch die Suburbanisierung Amerikas.

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