Von Hubert Filser

Kürzlich abgeschlossene Untersuchung zeigt: Funkwellen können DNS schädigen.

(SZ vom 7.8.2003) - Allein in Deutschland machen zurzeit 12.000 Bürgerinitiativen gegen Handy-Sendemasten mobil. Nicht nur, dass Metallantennen hässlich sind, viele Menschen befürchten auch, dass sie krank machen: Für Haarausfall über Kopfweh bis zum Krebs wird der Mobilfunk verantwortlich gemacht.

Die Industrie wiegelt ab. Es sei nicht nachgewiesen, dass Mobilfunk schädlich ist. Verlässliche Daten darüber, ob die elektromagnetischen Felder, auch jene von Strom- und Bahnleitungen, die Gesundheit beeinträchtigen, gab es bislang kaum. Eine in diesen Tagen abgeschlossene Studie mit Körperzellen will nun eine „gentoxische“ Wirkung elektromagnetischer Felder festgestellt haben.

Produktion von Stressproteinen

Zweieinhalb Jahre lang haben zwölf Forschergruppen aus sieben EU-Ländern die Wirkung nieder- und hochfrequenter elektromagnetischer Felder auf menschliche Zellen untersucht. Finanziert wurde die so genannte „Reflex“-Studie zu zwei Dritteln von der EU. Bereits vor der Veröffentlichung der Daten sickern die ersten Ergebnisse durch: Der Einfluss von elektrischen Schwingungen führte zu Doppelstrangbrüchen und Schäden im Erbsubstanzmolekül DNS.

Hans-Albert Kolb vom Institut für Biophysik der Universität Hannover, einer der zwölf Forscher, hat festgestellt: „Nach ersten Ergebnissen wissen wir sicher, dass es unter Einfluss von Magnet- oder Hochfrequenzfeldern zu Schäden an der DNS kommt und dass Stressproteine produziert werden.“ Falls Zellen zudem bereits geschädigt seien, werde dies durch den Einfluss der Strahlung nicht linear verstärkt, sonders steige um ein Vielfaches.

Reparaturkräfte des Körpers

Fest steht, dass Schäden im Erbgut bei der Entstehung von Krebs eine Rolle spielen können. Dass daraus unweigerlich Krebs entsteht, will der Biophysiker aus diesen Ergebnissen jedoch nicht schlussfolgern: „Das wäre Spekulation.“ Zu wenig ist bekannt über die Reparaturkräfte des Körpers, mit denen Schäden an der DNS behoben werden können. Unklar bleibt daher, ob die demnächst zu veröffentlichenden Effekte tatsächlich ein Krebsrisiko darstellen. Ebenso fraglich ist weiterhin, warum nur manche Zelltypen in den Versuchen Schäden aufwiesen, andere wiederum nicht.

Als die Forscher erste Ergebnisse auf einer internationalen Fachtagung im Juni auf Hawaii präsentierten, kam es zu heftigen Diskussionen. „Kritik unter der Gürtellinie“ habe es gegeben, sagt Studienkoordinator Franz Adlkofer. Als „Märchenstunde“ sei die Präsentation bezeichnet worden, berichten Reporter in der für den heutigen Donnerstagabend angesetzten ARD-Sendung „Bei Anruf Smog?“ (23 Uhr). Gerd Friedrich von der industrienahen Forschungsgemeinschaft Funk, der ebenfalls an der Tagung teilnahm, will die Ergebnisse erst kommentieren, wenn sie publiziert sind. „Bis dahin ist unsere Devise: Abwarten.“

Doch Friedrich meint auch: „Vom wissenschaftlichen Standpunkt ist es ein interessantes Projekt, ein neuer, guter Ansatz.“Anna Wobus vom Institut für Pflanzengenetik in Gatersleben, die für die Studie Mäuse-Stammzellen untersuchte, betont die Notwendigkeit weiterer Forschung am lebenden Organismus, über Zellen in Kulturschalen hinaus. Nur so ließe sich das Krebsrisiko von mittlerweile fast 60 Millionen Handy-Nutzern in Deutschland tatsächlich abschätzen.

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