Von Phillipp Oehmke

Es war bestimmt die fünfhundertste Sexszene in ihrem Leben. Eine doppelte Analpenetration mit zwei Männern. Jessica Dee infizierte sich mit HIV. Vor laufender Kamera. Beide Sex-Partner hatten ihr vorher ihre HIV-Tests gezeigt, beide waren negativ.

Jessica Dee, Long Beach, Bild: Sabina McGrew

Jessica Dee am Meer in Long Beach. Hierher flüchtete sie, als sie erfuhr, dass sie sich mit HIV angesteckt hatte. (Foto: Sabina McGrew)

Die paar Minuten auf Film, die ihr Leben veränderten, will Jessica sich nie mehr ansehen. Es war bestimmt die fünfhundertste Sexszene in ihrem Leben. Und doch erinnert sie sich genau an sie.

Die Szene war gut gelungen, hat Spaß gemacht zu drehen, war technisch perfekt und sehr anspruchsvoll: eine doppelte Analpenetration mit zwei Männern, der eine hieß Mark Anthony, der andere Darren James. Beide hatten ihr vorher ihre HIV-Tests gezeigt, beide waren negativ.

Jessica Dee weiß nicht mehr, wie der Film heißt, für den die Szene gedreht wurde. Überall auf der Welt aber sitzen Männer und schauen sich diesen Film an und wissen dabei nicht, dass sich Jessica Dee in dieser Szene mit HIV infiziert.

Das war letztes Jahr im März. Jessicas Name ging um die Welt und der von drei anderen Pornostars. Die Zeitungen und Fernsehsender riefen einen Aids-Skandal aus und Jessica sollte sein Gesicht werden. Aber sie weigerte sich und sprach mit niemandem.

Inzwischen hat Jessica sich vorgenommen, nicht mehr so viel zu weinen, doch als sie nun über den Parkplatz zu ihrem Geländewagen stürzt, kommen ihr die Tränen schon wieder. "Die wollen mich entsorgen", schreit sie über den Parkplatz. "Aber ich werde mich nicht entsorgen lassen."

Ein paar Minuten vorher, drinnen im Büro, hat Larry ihr gesagt, die Dreharbeiten zu Sperm Smiles, ihrem vierten Film als Regisseurin, seien bis auf weiteres gestoppt. Larry sah dabei auf seine bestickten Cowboystiefel. Wie immer konnte er Jessicas Tränen nicht ertragen. "Ständig dieses Geheule", murmelte er.

Menschen mit Aids verträgt die Porno-Industrie nicht

Larry ist Geschäftsführer von PlatinumXPictures, einer Produktionsfirma für Pornofilme im San Fernando Valley, Kalifornien. Er steht im Lager vor Türmen aus Kartons. Jeder Karton ist beschriftet mit Titeln wie AnalGeddon, Interracial Lust oder Cum Guzzlers. "Die Pornoindustrie ist eine tolerante Branche", sagt Larry.

"Hier darf jeder sein Glück versuchen." Er hat Manager, Akademiker, Einwanderer, sogar ehemalige Kleinkriminelle und gescheiterte Models im Pornogeschäft getroffen. "Nur eine Sorte Menschen verträgt die Pornobranche nicht", sagt Larry: "Menschen mit Aids."

Eigentlich dürfte Jessica längst nicht mehr in der Branche sein. Aber sie ist es noch. Sie sitzt auf dem Parkplatz vor dem Büro in ihrem Auto und weiß nicht, wo sie hinfahren soll. Ein paar rot gefärbte Haarsträhnen kleben an den Tränen auf ihrer Wange. Als sie noch Pornofilme drehte, trug sie ihre Haare platinblond.

Sie war ein Star und wöchentlich schrieben ihr Hunderte von Fans aus Mexiko, aus Japan. Doch heute wirkt sie sogar zu klein für den riesigen Sitz ihres Geländewagens. Und natürlich heißt sie auch nicht Jessica Dee, ihren echten, ihren tschechischen Namen verrät sie nicht. Sie trägt enge Jeans und ein rosa T-Shirt, das den Bauch frei lässt. Als sie aufhört zu weinen, sagt sie: "Ich werde es allen zeigen: Das ist nicht das Ende meines Lebens." Jessica ist jetzt 26.

"Wir kommen mit dem Verkaufen nicht hinterher"

Im Lager wühlt Larry die Kisten durch, ein paar mexikanische Lagerarbeiter helfen ihm dabei. Dann hält Larry eine DVD hoch, Throat Yoghurt. Die Hülle zeigt Frauen, die an Penissen fast ersticken. Sie sehen mitgenommen aus, Sperma läuft aus ihren Mündern. Es ist Jessicas erster Film als Regisseurin. Sie hat ihn nur sechs Wochen nach ihrer HIV-Infektion gedreht. "Jessica hat uns alle verblüfft", sagt Larry, "erstens, wie schnell sie diesen Film gedreht hat, und zweitens, wie hart er war."

Warum durfte sie dann nicht weitermachen? "Weil sie gleich anschließend noch vier Filme gedreht hat! Wir kommen mit dem Verkaufen nicht hinterher. Wir müssen die Filme zwischenlagern, und wenn sie dann in ein paar Monaten erscheinen, sind die Mädchen abgenutzt."

Wegen der Fülle an Filmen beträgt die Halbwertszeit von Darstellerinnen nur ein paar Monate, außer bei den Superstars. Danach müssen die Mädchen ihre Haarfarbe oder die Größe ihres Busens ändern. Sie dürfen nicht wiedererkennbar sein. "Als sie nach ihrer Infektion mit Regie anfing, hat Jessica fast panisch gedreht", sagt Larry. Als würde ihre Krankheit sie treiben.

In seinem Büro hat Larry die Fotos seiner Kinder an die Pinnwand gepikst, daneben ein Porträt von George W. Bush mit seiner Frau Laura. Larry war früher Sheriff in einem Dorf in Colorado, später Abgeordneter im Parlament. Aber nach seiner Pensionierung hat er sich nutzlos gefühlt.

Er hat sein Haus verkauft und ist seiner Tochter Stephanie nach Los Angeles gefolgt. Die nannte sich dort Jewel D’Nyle und spielte in Pornos mit. Larry wollte davon erst nichts wissen, aber schließlich heuerte er doch bei seiner Tochter an.

Jewel bot ihrem Vater an, für sie zu arbeiten, sie besaß inzwischen 25 Prozent an PlatinumXPictures, und konnte jemanden gebrauchen, der sich mit Bilanzen und Logistik auskennt, jemanden wie ihren Vater. Nun ist Larry General Manager bei PlatinumXPictures und Debbie, die Mutter, Sales Manager.

"Unkompliziert und nicht zimperlich - sie war gut"

Die Eltern kümmern sich um die Produktion, den Vertrieb und die Abrechnung von Hardcore-Pornos. In den meisten spielt ihre Tochter eine Hauptrolle. Larry sagt, ihm gehe es gut damit. Eigentlich müsste er jeden Film abnehmen, aber bei denen mit seiner Tochter bittet er einen Kollegen. Und natürlich muss er die Bürotoilette meiden.

Dort liegen Pornoheftchen mit Bildern von der Tochter drin, die sie beim Gruppensex zeigen. In anderen Heften, die Larry in seinem Büro stapelt, im Branchenführer Adult Video News oder The Climax Times etwa, sind noch immer Fotos von Jessica. "Sie war gut", sagt Larry, doch es ist ihm anzumerken, dass er lieber über die Agrarreform in Colorado spräche als über die Qualität von Pornostars. "Unkompliziert und nicht zimperlich. Sie hat alles getan."

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