Von Henrik Bork

Die chinesische Regierung geht brutal auf Vierbeinerjagd. In Peking sind "Teams zum Hundeerschlagen" unterwegs.

Auffällige Hunde müssen aufpassen: In Peking sind Fänger unterwegs. Foto: dpa

Hundebesitzer in Peking haben panische Angst um ihre Tiere. Seit die chinesische Regierung wieder Jagd auf nicht registrierte Vierbeiner macht, trauen sich viele mit ihren Hunden nur noch nachts auf die Straße.

Manche Tierfreunde haben sogar Bauernhäuser auf dem Land gemietet und planen, sich mit ihren Hunden für einen Monat oder länger in Sicherheit zu bringen.

"Wir haben solche Angst, dass wir unserem David sofort das Maul zuhalten, wenn er bellt", sagt der 44-jährige Unternehmer Gao Teng aus Peking, stolzer Besitzer eines Labrador-Männchens.

"Wir fahren ihn täglich im Auto an einen menschenleeren Ort, bevor wir mit ihm spazierengehen. Und wir haben unserem Sohn eingeschärft, auf keinen Fall Fremden die Haustür zu öffnen."

Was die Familie fürchtet, sind die berüchtigten "goudadui", die "Teams zum Hundeerschlagen", die derzeit wieder von Haus zu Haus gehen. Hintergrund ist eine Tollwut-Epidemie, der immer mehr von Hunden gebissene Chinesen zum Opfer fallen. 318 Menschen sind landesweit allein im September gestorben, vergangenes Jahr waren es insgesamt 2651 Todesfälle, berichtete die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua.

Die Stadt Peking hat daher vergangene Woche neue Regeln erlassen, derzufolge in neun zentralen Stadtbezirken keine Hunde mehr erlaubt sind, die mehr als 35 Zentimeter hoch gewachsen sind. Zusätzlich darf jede Familie nur noch höchstens einen Hund halten. In anderen Teilen Chinas gibt es ähnliche Verbote.

"Stoppt den Massenmord"

Die Ordnungskräfte gehen äußerst rabiat vor. Im Juli und August hatte es erste Proteste gegeben, nachdem Teams in der Provinz Yunnan in einem einzigen Landkreis 50 000 Hunde erschlagen hatten, manche unter den Augen ihrer Besitzer.

Manche Hundeliebhaber wurden angeblich gezwungen, die Tiere eigenhändig mit Knüppeln zu erschlagen. Auch drohen Geldstrafen von bis zu tausend Euro für nicht gemeldete Hunde.

Vielen Hundebesitzern sind diese Maßnahmen zu brutal. Am vergangenen Samstag demonstrierten 500 wütende Tierfreunde vor dem Eingang zum Pekinger Zoo, nachdem auch in Peking die ersten Hunde erschlagen worden waren.

Einige trugen Sticker mit der Aufschrift "Stoppt den Massenmord", andere versuchten etwas diplomatischer mit Plüschhunden um Verständnis zu werben. Die Polizei löste die unangemeldete Demonstration schließlich auf und nahm 18 der Hundefreunde vorübergehend fest.

Seither können sich die Angst und die Wut der Tierhalter nur noch auf Internetforen Luft machen. Die Internet-Nutzerin "vivian8364" warnt, dass im Pekinger Stadtbezirk Xuanwu bereits 72 Hunde abgeholt worden seien. Linientreuen Nachbarn, die Hunde verraten, sei jeweils ein "Kopfgeld" von 200 Yuan (20 Euro) gezahlt worden, berichtet sie.

Gemeinsam mit anderen Hundehaltern hat sie einen Fluchtplan ausgearbeitet. "Ort: geheim. Vier Stunden Fahrtzeit im Auto. Bauernhaus mit Heizung und Warmwasser", heißt es im Internet. Man habe das Haus angemietet und plane dort "einen Monat lang unsere Hunde in Sicherheit zu bringen", schreibt "vivian8364".

Die Polizei weist den Vorwurf zurück, "dass Hunde in der Stadt geschlachtet wurden". Nach Behördenangaben leben in der Stadt mit 13 Millionen Einwohnern mindestens eine Million Hunde, die Hälfte davon nicht registriert.

(SZ vom 16.11.2006)