Von Klaus Ott

Eklat bei Premiere: Container-Insasse M. erzählt ganz ungeniert antisemitische Witze, die Mitbewohner finden das zum Lachen komisch - und der Bezahl-Sender strahlt das Ganze auch noch aus.

Bei Premiere versucht man erst gar nicht, den im deutschen Fernsehen wohl nahezu einmaligen Zwischenfall zu verharmlosen. Er ereignete sich kürzlich im Container bei Big Brother und wurde von dem Abosender live übertragen. „Ein beschämender Vorfall“, sagt TV-Chef Georg Kofler: „Ich bin erschüttert.“

Am ersten Oktober-Wochenende, in der Nacht auf Sonntag, hatte einer der Insassen vor laufender Kamera Judenwitze erzählt. Vier Stück, der Reihe nach, ohne dass die drei Mitbewohner, die dabei saßen, das unterbunden hätten. Im Gegenteil. Die Zuhörer im Container lachten sogar noch, als Kandidat M. begann, sich über das Schicksal der „J‘s“, wie er sie nannte, lustig zu machen: Da stehe ein Mädchen auf dem Schornstein und werde gefragt, worauf es warte: „Auf Mama und Papa“.

Kofler kündigte zwei eigens für Big Brother abgestellte Premiere-Redakteure, die das durchgehen ließen, am Dienstag fristlos.

Bislang war es unvorstellbar, dass nach der Ermordung von sechs Millionen Juden im „Dritten Reich“ eine solche Entgleisung öffentlich verbreitet würde, egal, ob im Fernsehen oder anderen großen Medien. Doch bei Big Brother ist offenbar nichts mehr unmöglich.

"Trauriger Auswuchs des Reality-TV"

Die Bayerische Landeszentrale für neue Medien, die Premiere beaufsichtigt, stuft den Vorfall als „Verletzung der Menschenwürde“ ein. Das werde auf jeden Fall streng geahndet, kündigt Verena Weigand an, die Jugendschutzbeauftragte der BLM. Sie spricht von einem „traurigen Auswuchs“ des so genannten Reality-TV, „wenn so etwas öffentlich gesendet werden kann“.

Müssen Big Brother und ähnliche Formate nun insgesamt in Frage gestellt werden? „Diese Diskussion muss man führen“, antwortet Weigand. Premiere-Chef Kofler will das vermeiden. Er vergleicht den Vorgang mit einem Flugzeugabsturz: „Deswegen legt man doch nicht gleich die ganze Flugzeugindustrie still.“

Doppelte Sicherung versagt

Es ist jedenfalls viel schief gelaufen bei Big Brother und Premiere. Der Abosender wurde erst am Dienstag durch eine Anfrage der Süddeutschen Zeitung auf die live gesendeten Judenwitze aufmerksam, obwohl das bereits eineinhalb Wochen her ist.

Man habe zwei Sicherungen gegen Auswüchse eingebaut, sagt Kofler, beide hätten versagt. Da sei zuerst die Produktionsfirma Endemol, die bei den Bildern aus dem Container in Köln Regie führe und im Zweifelsfall „sofort auf andere Kameras umzuschalten“ habe. Und sechs Premiere-Redakteure sollten in drei Schichten aufpassen. Die beiden, die in der betreffenden Nacht Dienst hatten, sind ihren Job nun los. Um ähnliche Vorfälle künftig zu vermeiden, will Kofler die Vorsichtsmaßnahmen „verstärken und verschärfen“.

Ahnungslose Aufsicht

Die Judenwitze waren bei der Big Brother-Redaktion freilich gar nicht unentdeckt geblieben. Auch die Privatsender RTL 2 und Tele 5 sind zeitweise im Container dabei. Bei der täglichen Zusammenfassung in RTL 2 habe man diese „bedauerliche Entgleisung herausgeschnitten“, sagt Conrad Heberling, der Stellvertreter von Geschäftsführer Josef Andorfer.

Zudem sei der Kandidat M. wegen der Judenwitze von der Redaktion „ernsthaft ermahnt“ worden. Weiter gemeldet wurde die Sache aber offenbar nicht. Die bayerische Landesmedienzentrale erfuhr erst am Dienstag davon.

"Massenhaft Geschichtsstunden nötig"

Im Internet wird längst über solche Auswüchse diskutiert. In einem Online-Tagebuch ist auf die Minute genau notiert, was am 3. Oktober nach zwei Uhr nachts gesendet wurde: Erst ein unappetitlicher Frauenwitz, dann die vier Passagen über Juden, anschließend noch mehrere Türkenwitze. Alles innerhalb einer Viertelstunde. Dieses Niveau sei „auf jeden Fall bedenklich“, sagt Premiere-Programmsprecher Dietrich Wöstehoff.

Die Bewohner hätten „massenhaft Geschichtsstunden“ nötig, schrieb ein empörter Zuschauer im Internet – und M. gehöre hinausgeschmissen. Das ist inzwischen geschehen, nach Angaben von Premiere allerdings aus anderen Gründen.

Geschäftsführer Kofler will auf jeden Fall weiter live aus dem Container senden. 50.000 Kunden hätten Big Brother abonniert, und es gehe um „0,1 Promille der Sendezeit“. In der besagten Nacht hätten allenfalls ein paar Dutzend davon zugesehen. Das sei der einzige Trost.

Auch Tele 5 will bei Big Brother dabei bleiben. „Bei uns sind die Judenwitze definitiv nicht gelaufen“, sagt Geschäftsführer Jochen Kröhne.

(SZ vom 13.10.2004)