Das Drama in China geht weiter, und viele Menschen fragen sich, warum so viele Schulen eingestürzt sind.
Überbelende trägt ihren Sohn über die Trümmer ihres Hauses in der Provinz Sichuan. Foto: Reuters
Chengdu - Das Drama um die Opfer des Erdbebens in China nimmt kein Ende: Obwohl die Überlebenschancen der Verschütteten mehr als 100 Stunden nach dem Beben dramatisch gesunken sind, konnten Retter auch am Freitag noch einzelne Menschen befreien. Eine 23-jährige Krankenschwester wurde im Landkreis Beichuan, einer bergigen Region nördlich der Stadt Chengdu, lebend aus den Trümmern geborgen. Aus der Maoba-Grundschule im selben Landkreis zogen Helfer am Freitagmorgen drei Grundschüler aus den Trümmern. Noch immer waren dort zur selben Zeit schwache Hilferufe weiterer verschütteter Schüler hörbar. Aus einem eingestürzten Gebäude der Kreisverwaltungen von Beichuan konnten ebenfalls zwei Menschen verletzt und dehydriert, aber lebend befreit werden.
Unklarheit herrscht noch immer über die Zahl der Opfer. Die Regierung bestätigte bis zum Freitag offiziell 22.069 Tote, rechnet inzwischen jedoch mit bis zu 50.000 Opfern. Die Rettung von Überlebenden des schweren Erdbebens in China hat am vierten Tag nach der Katastrophe eine "entscheidende Phase" erreicht, sagte Chinas Staats- und Parteichef Hu Jintao. Er reiste am Freitag in die betroffene Region.
Gleichzeitig begannen Chinas Behörden, ihre Aufmerksamkeit auf die Vermeidung von Seuchen zu lenken. Die in der feuchtwarmen Hitze in Südwestchina rasch verwesenden Leichen drohen örtlich das Trinkwasser zu verseuchen. Viele Helfer tragen inzwischen Gesichtsmasken. Feuerwehrleute haben begonnen, neben Rettungsgerät auch blaue Kanister mit Desinfektionsmitteln in den noch immer schwer erreichbaren Ort Yingxiu in der Nähe des Epizentrums zu tragen. In ganz Sichuan sind 6000 medizinische Hilfskräfte mit Maßnahmen zur Seuchenkontrolle betraut, gab die Provinzregierung bekannt.
Chinas staatliche Medien dürfen diesmal freier als bei früheren Katastrophen berichten, was landesweit zu einer großen Welle der Solidarisierung mit den Opfern geführt hat. Nachdem er die erschütternden Fernsehbilder gesehen habe, sei er mit einigen Freunden sofort in die Krisenregion aufgebrochen, sagte der Verleger Chen Ken aus Shanghai, einer von Tausenden freiwilligen Helfern in der Region. "Wir verteilen gerade selbst gekaufte Medizin im Landkreis Beichuan", berichtete Chen der Süddeutschen Zeitung in einem Telefoninterview. Überall im Land wurden Spendenaufrufe organisiert. Auch das Internationale Rote Kreuz in Genf bat die internationale Ge-meinschaft um Spenden für die Opfer.
Die relative Offenheit der Medien beschränkt sich allerdings weitgehend auf den "heroischen" Einsatz der Volksbefreiungsarmee und anderer Hilfskräfte. Erschütternde Bilder von Toten dürfen auch gezeigt werden; kritische Fragen sind nicht zugelassen. Was nicht verhindert, dass viele Chinesen im Internet über Ursachen und Folgen der Katastrophe diskutieren - beispielsweise über die Frage, warum so viele Schulgebäude in der Erdbebenregion in einem so desaströsen baulichen Zustand waren.
Offiziell bestätigte Zahlen sind nicht erhältlich, doch allein beim Einsturz der Dongqi-Mittelschule in Hanwang sind 700 bis 800 Schüler verschüttet worden. Zwei weitere, zu einer Fabrik gehörende Schulen in dem Ort sollen Angaben der Nachrichtenagentur Xinhua zufolge mehr als 200 Schüler unter sich begraben haben. In der Juyuan-Mittelschule in der Stadt Dujiangyan und in der Beichuan-Mittelschule sollen jeweils mehr als 1000 Schüler verschüttet worden sein. Und die Liste geht weiter.
"Warum sind es immer die Schulgebäude, die zusammenstürzen?", fragte ein wütender Chinese im Internet. Vor Ort, etwa vor der Dongqi-Mittelschule in Hanwang, beschuldigten aufgebrachte Eltern "korrupte Beamte und gierige Bauunternehmer". Öffentliche Gelder für Schulbauten würden veruntreut, indem teure Baumaterialien berechnet, dann jedoch minderwertiges Material beim Bau verwendet wird, sagte die Mutter einer verschütteten Schülerin in Hanwang. "Die Schulen brechen zusammen, aber die luxuriösen Gebäude unserer Regierung bleiben vielerorts stehen", kommentierte ein anderer Chinese im Internet. Allerdings sind mancherorts auch Regierungsgebäude eingestürzt.
Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die chinesische Regierung in den vergangenen Jahren zu wenig Mittel für solide Schulbauten zur Verfügung gestellt hat. Schon vor dem Erdbeben galten viele der billig konstruierten Schulgebäude in China als baufällig. 81 Prozent aller als "einsturzgefährdet" eingestuften Gebäude Chinas seien Grundschulen, hieß es in einer Erhebung aus dem Jahr 2006, aus der die Zeitung Nanfang Zhoumuo am Donnerstag zitierte. Die chinesische Regierung kündigte bereits an, als Konsequenz aus dem Beben die Bauqualität von Schulen systematisch überprüfen zu lassen.
Solidarität mit der Regierung
In der Öffentlichkeit überwog jedoch die Solidarisierung nicht allein mit den Opfern, sondern auch mit der eigenen Regierung, deren Einsatz diesmal insgesamt positiv bewertet wird. So sind inzwischen mehr als 100000 Soldaten im Krisengebiet unterwegs. Sie kämpfen sich über gefährliche, halb verschüttete Bergstraßen bis in die abgelegensten Gebiete vor oder riskieren bei Fallschirmsprüngen in enge Täler ihr eigenes Leben. Auch Ministerpräsident Wen Jiabao, der seit Tagen von einem schwer geprüften Dorf ins nächste reist, kommt bei den Chinesen gut an. Insgesamt hat die kommunistische Führung schneller und auch ehrlicher reagiert als noch bei der Schneekatastrophe in diesem Winter, die anfangs heruntergespielt worden war. Damals hatte sich Wen Jiabao in einem Bahnhofsgebäude vor laufenden Kameras für den verspäteten Einsatz der Hilfskräfte entschuldigt.
Erstmals hat die Regierung auch ausländische Rettungskräfte ins Land gelassen. Als erste trafen am Freitagmorgen 31 japanische Helfer mit drei Spürhunden in dem 400 Kilometer von Chengdu entfernten Landkreis Qingchuan ein. Peking hat auch ähnliche Angebote aus Singapur, Südkorea, Taiwan und Russland positiv beantwortet.
(SZ vom 17.05.2008)

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