Russlands neuer Präsident Medwedjew gilt bisweilen als Schoßhündchen seines Vorgängers Putin. Etymologisch gar nicht verkehrt, meint Wolfgang Koydl.

Teddybär; AP

"Medwjed": Etymologisch zweideutig und durchaus auch als Teddybär zu verstehen. Foto: AP

Die Wahl mag zwar nicht ganz so spannend und abwechslungsreich verlaufen sein wie ihr Gegenstück, das derzeit in den Vereinigten Staaten gegeben wird; aber Russland hat einen neuen künftigen Präsidenten: Dmitrij Medwedjew. Seine Gegner spotten, dass er eher ein Schoßhündchen seines Vorgängers und Mentors Wladimir Putin ist, ja fast schon so etwas wie ein kuscheliger Teddybär.

Ob dies den Realitäten entspricht, darüber wollen wir uns kein Urteil anmaßen. Sprachlich freilich liegt man mit diesem Bild goldrichtig. Denn der Nachname des neuen Kremlherrschers ist in Russland weit verbreitet und leitet sich von medwjed (медведь) = der Bär ab. Träger dieses Namens waren in Frühzeiten sehr angesehen - entweder, weil sie bärenstark waren oder weil sie mit dieser Kraft einen gefährlichen Bären erlegten.

Medwjed ist übrigens ein sogenanntes Tabuwort, wie man es in vielen Sprachen findet. Es ist eine Umschreibung für ein Tier, das man nicht bei seinem eigenen Namen nennen und damit vielleicht zur Unzeit heraufbeschwören wollte. Wörtlich ist medwjed der Honiggänger, ein Raubtier, das gerne etwas Süßes schleckt. Beim deutschen Bären verhält es sich übrigens genauso. Das indoeuropäische Urwort für dieses Lebewesen klang so ähnlich wie das griechische arktos. Doch die Germanen bezeichneten Meister Petz zurückhaltend als "den Braunen". Nichts anderes ist die Grundbedeutung von Bär.

Kommen wir kurz auf Gospodin Medwedjew zurück. Sein Vorname bildet einen aparten Kontrast zum Familiennamen, ist er doch ziemlich androgyn. Dmitrij ist die russische Version des lateinischen Demetrius, und der war die männliche Variante der römischen Göttin Demeter. Eine weiblichere Gottheit als sie kann man sich kaum vorstellen. Sie war als Mutter zuständig für die Fruchtbarkeit der Erde, der Saat und der Jahreszeiten, dargestellt wurde sie als Jungfrau, Mutter oder alte Frau. Medwedjew freilich kann man nachsagen, was man will: Mütterlich wirkt der kleine Bär nicht.

Aus seinem Reich aber kommt das Gas, das deutsche Wohnungen beleuchten und beheizen hilft, und dessen Strom erneut unterbrochen zu werden droht. Das kleine Wörtchen gehört zu jenen wenigen Begriffen, von denen man genau weiß, wer sie zu welchem Zeitpunkt zum ersten Mal verwendet hat. In diesem Fall war dies der Brüsseler Chemiker Jan Baptist van Helmont, der das neue Wort 1658 für jenen Stoff verwendete, der entstand, als er Holzkohle verbrannte: Kohlendioxid. Helmont nannte es gas sylvestre, wörtlich Wald- oder Holzgas.

Er pflückte sich das neue Wort freilich nicht aus der Luft. Der gebildete Humanist griff vielmehr ins griechische Vokabular und fand chaos. Dieses Wort beschrieb nicht zu allen Zeiten den Zustand auf meinem Schreibtisch, sondern ursprünglich nur einen leeren Raum. (Nichts könnte, nebenbei bemerkt, weiter von meinen Arbeitszimmer entfernt sein.) Da das g am Wortanfang im Holländischen eher wie ein ch ausgesprochen wird, klang Gas so ähnlich wie das Chaos.

Jahrhundertelang war es ein rein wissenschaftlicher Fachbegriff, den kein naturwissenschaftlicher Laie je verwendet hätte. Erst mit dem Aufkommen der Gasbeleuchtung im 19. Jahrhundert ging das Wort in die Alltagssprache ein.

Unverständliches Fachchinesisch wird auch auf der Computermesse CeBIT gesprochen, die in Hannover ihre Tore geöffnet hat. Ein bisschen eigenartig sieht schon der Name aus mit der eigenwilligen Anordnung von Groß- und Kleinbuchstaben.

Die Bits als Maßeinheit für Datenmengen sind freilich nicht Bestandteil dieses Namens. Seine Herkunft ist viel bürgerlicher und banaler. Es war im Jahre 1970, als auf der Hannover Messe zum ersten Mal eine eigene Halle als Centrum für Büro- und Informationstechnik eröffnet wurde. Die Anfangsbuchstaben ergaben CeBIt. Als die Halle nicht mehr ausreichte und 1986 eine eigene Messe veranstaltet wurde, änderte man den Namen - aber nicht die Abkürzung - in Centrum für Büroautomation, Informationstechnologie und Telekommunikation.

Deutschlands Sozialdemokraten haben in den vergangenen Tagen insgeheim darüber gemunkelt, welchen Kandidaten sie in das Rennen um die Kanzlerschaft schicken sollen. Es ist eine verantwortungsvolle, schwierige und häufig undankbare Aufgabe. Weniger bekannt ist, dass der Titel seinen Träger auch der Lächerlichkeit preisgeben kann.

Das Wort geht auf die Römische Republik zurück, wo sich Bewerber um eines der hohen Staatsämter in eine weißglänzende Toga hüllten, die toga candida. Candidus war nicht nur der zweite Vorname des ewigen Kanzlerkandidaten Rainer Barzel, in dem Wort steckt auch die hell leuchtende Kerze. Die englische candle liegt näher am Original; wir erkennen es noch im Kandelaber. Anders ausgedrückt: Vom Kandidaten zum Armleuchter ist oft nur ein kleiner Schritt.

Diese Erfahrung befürchten zwei andere Kandidaten: Hillary Clinton und Barack Obama. Bei der letzten Vorwahlrunde teilten sie sich die Siege in den beiden kleineren Bundesstaaten, die abstimmten. Obama sicherte sich Vermont, Clinton Rhode Island. Vermont heißt so, wie es aussieht mit seinen grünen Bergen. (Das Schnulzenösterreich des Film-Musicals "Sound of Music" wurde in diesem amerikanischen Bundesstaat nachgestellt.) Der französische Entdecker Samuel de Champlain, der 1609 die rollenden grünen Hügel durchstreifte, nannte sie einfach les monts verts. Zur Belohnung trägt der große See, den er hier entdeckte, heute seinen Namen.

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