Von Hermann Unterstöger

Voll verständnisvoll: Eine neue Bibel-Übersetzung versucht sich im Jargon der Jugend.

Hat Konkurrenz bekommen: Bibel-Übersetzer und Reformator Martin Luther (Foto: dpa)

Matthäus 27,50 lautet bei Luther so: „Aber Jesus schrie abermal laut, und verschied.“ In Martin Dreyers „Volxbibel“ wird die Stelle folgendermaßen wiedergegeben: „Plötzlich schrie Jesus noch einmal laut auf, dann starb er.“

Man kann sagen, dass hier die Texttradition durchaus gewahrt bleibt, dass die Neuübersetzer Luthers Gebot folgen und das Wort „stahn“ lassen. Anders hört sich die Sache ein Kapitel später an, bei der Auferstehung. Da schreibt Luther, Jesu Gestalt sei „wie der Blitz“ gewesen, „und sein Kleid weiß als der Schnee“.

Laut Volxbibel strahlte der Auferstandene „fast wie eine 5000-Watt-Halogenlampe und seine Klamotten waren weiß wie Schnee.“ Überschrift: „Jesus’ fettes Comeback.“

Entsprechend divergent sind die Reaktionen, die im Gästebuch („Lounge“) der Volxbibel – www.volxbibel.de – auflaufen. Sie können über ein schräg liegendes Kreuz angeklickt werden und werfen ein gutes Licht auf die Front, die zwischen beinahe jesusmäßig begeisterter Zustimmung und inquisitorisch scharfer Ablehnung verläuft. Hier zwei Stimmen, stellvertretend für die Positionen.

Am 21. Februar um 1.46 Uhr schreibt „Victor“ : „Ihr habt ihn verhöhnt, ihr habt ihn verspottet, und ihr habt ihn damit ins Gesicht geschlagen!!!!!!!“ Knapp drei Stunden später schaltet sich „hepe“ ein: „Gottes Segen bei dieser wichtigen Arbeit!“

Es geht bei den Urteilen verständlicherweise sehr oft um die Frage, welche Sprache den biblischen Texten angemessen sei. „Kann eine Gossensprache noch Wort Gottes sein?“, fragt „Andrea“, und „Markus“ konstatiert, „dass in der Volksschule diese Gossensprache nicht gebraucht wird“.

Ein Chatter namens „Der Feind“ setzt noch eins drauf: „Kein normaler Mensch würde so mit seinen Mitmenschen reden! Auch nicht die Gangster!“ Dem hält ein gewisser „schwipsy“ entgegen, dass Jesus „für unsere Freiheit gestorben“ sei und „dass dies super durchkommt“ in der Volxbibel. Mit einem lockeren „gruß und kuss, der spiritus“ schleicht er sich aus dem Forum.

Hat sich voll krass geopfert: Jesus Christus (Foto: dpa)

Die Idee, Klassiker in jugendsprachlichen Versionen herauszubringen, ist nicht neu. In den späten Achtzigern gab es einen regelrechten Boom. Paradestück waren die „Bockstarken Klassiker“, in denen beispielsweise die Stelle, wo Faust den Pudel zur Ruhe mahnt, so wiedergegeben wurde:

„Schnauze, du abgefuckte Mist-Töle, jetzt nerv mich nicht auch noch! Dein Gekläff geht mir irre auf die Eier!“ Damals überraschte Eichborn mit einem Neuen Testament, das „Der Juniorchef“ hieß. Auch daraus eine Kostprobe, nämlich Jesu Worte bei der Austreibung eines Dämons: „Halts Maul, du Chaot! Du dümpelst im falschen Space! Mach dich dünn!“

Das alles war ganz lustig, krankte aber daran, dass der Leser von dem Verdacht nicht loskam, hier werde der Jugend ein Jargon untergejubelt, den sie selbst nicht spricht, jedenfalls nicht in dieser überdrehten, oft leicht knallköpfigen Manier.

Martin Dreyers Intention geht nicht dahin, eine möglichst „krasse“ oder „geile“ Bibel vorzulegen. Als freikirchlicher Pastor, Sozialarbeiter und Gründer der „Jesus Freaks“ verfolgt er das deutlich missionarische Ziel, bei jungen, meist in großer Kirchenferne aufgewachsenen Leuten neues Verständnis für die Heilige Schrift zu erwecken.

Dazu dient in erster Linie eine ihrerseits verstandene und gelebte Sprache, deren Echtheit dadurch garantiert wird, dass die zu Missionierenden an der Übertragung mitarbeiten können.

Wer will, bekommt ein Kennwort, und wenn seine Version gefällt, kann er beim nächsten Update dabei sein. In zwei bis drei Wochen wird die Volxbibel sich so ähnlich wie das Internetlexikon „Wikipedia“ organisiert haben, selbstverständlich auch mit dem dort üblichen Kodex. „Wer nur verarscht“, sagt Dreyer, „fliegt raus.“

Luthers Übersetzer-Bekenntnis findet sich im „Sendbrief vom Dolmetschen“, worin er nicht nur den kritisierenden „Eseln vnd buchstabilisten“ eins überzieht, sondern auch das vielzitierte Wort prägt, man müsse dem gemeinen Mann „auff das maul sehen“.

Wie spricht nun der gemeine junge Mensch heute? Lesefrüchte aus dem Evangelium nach Matthäus & Dreyer mögen einen Eindruck vermitteln. Das dezente, aber schwer veraltete „Und er erkannte sie nicht“ wird zu „Maria und er aber schliefen nicht miteinander“. Als Jesus vierzig Tage und Nächte gefastet hatte, hungerte ihn , was sich in der Volxbibel so liest: „Vierzig Tage und Nächte bekam er nichts zu fressen, er hatte tierischen Kohldampf, einen Hunger, der schon wehtat.“

Aus „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ macht die Volxbibel eine, nun ja, tierisch lange Lehre: „Wenn dir jemand auf das eine Auge haut, darfst du zurückschlagen, aber nur so, dass er auch ein Veilchen kriegt.

Wenn dir jemand die Fresse poliert, dann darfst du ihm auch die Fresse polieren, aber nicht mehr.“ Als Jesus die zwölf Apostel wie Schafe unter die Wölfe schickte, riet er ihnen, klug zu sein wie die Schlangen und sanft wie die Tauben. Dreyers Version:

„Hey, es ist für euch so, wie wenn ihr beim Auswärtsspiel in die Heimkurve müsst. Darum passt auf euch auf! Ihr müsst fast so schlau sein wie Albert Einstein und dabei so liebevoll wie Mutter Teresa.“

Die Volxbibel hätte eigentlich im evangelikal ausgerichteten Verlag R. Brockhaus in Witten erscheinen sollen. Wegen des Trubels lagerte man das Projekt in den eigens dafür gegründeten Volxbibel-Verlag aus. Die ersten 5000 Stück waren im Nu weg, ausgerechnet vor Weihnachten, wie sich Dreyer wehmütig erinnert. Mittlerweile sind 45000 verkauft – für ein Missionsland wie Deutschland ein schöner Erfolg respektive, um es volxbiblisch zu sagen, „voll fett“.

(SZ vom 3.3.2006)

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