Die Jugend eines Eisbären kann trotz Klimawandels unbeschwert sein – besonders wenn er menschliche Züge annimmt wie der knuddelige Knut aus Berlin.

Im Zoologischen Garten Berlin wurde vor Wochen ein Eisbär geboren. Offenbar wollte seine Mutter aber gleich wieder berufstätig sein, und deshalb gab sie das Kind bei ihrem Pfleger ab.

Er heißt Herr Dörflein und kümmert sich jetzt um den Bären. Er gibt ihm die Flasche, er krault ihm die Pfoten, er küsst ihm die Schnauze. Er schläft sogar im Zoo neben ihm, und wenn er doch einmal nach Hause muss - er hat ja noch zwei Menschenkinder und eine Frau, die dort auf ihn warten - dann rennt ihm der kleine Eisbär nach. Sein Name ist Knut. Möglicherweise wird er sich jedoch, sobald er sprechen kann, als Knut Dörflein vorstellen.

Nun ist es erst mal nichts Neues, dass jemand den falschen Leuten nachläuft und sich dann für etwas anderes hält, als er eigentlich ist. So etwas ist in Berlin schon anderen Menschen passiert als Knut, der noch dazu ein Tier ist.

Aber genau darum geht es ja. „Wird Knut zu menschlich?“, fragt eine Berliner Zeitung und zitiert eine Eisbärenexpertin, die befürchtet, „es wird schwer für Knut, Eisbären als seine Artgenossen zu erkennen“. Dabei sind Menschen und Eisbären leicht voneinander zu unterscheiden.

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Bildstrecke Knut, das Eisbär-Baby Rahmen
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Der Eisbär ist groß, weiß und lebt am Nordpol, wo es immer kalt ist, weswegen er, bevor er in seine Schneehöhle kriecht, unter das Fell eine dicke Fettschicht zieht. Der Mensch hingegen ist klein und lebt nur ungern in kalten Regionen, weswegen er, anstatt sich umständlich eine Fettschicht anzuziehen, gleich den gesamten Planeten erhitzt.

Schleppt er trotzdem einmal ein paar Gramm zu viel mit sich herum, trägt er dazu keinesfalls Weiß. Anders der Bär, der nicht aus seiner Haut kann. Der Mensch sitzt auch nicht stundenlang vor Eislöchern herum, bis sich eine Robbe zeigt, die er herausholen kann; er geht in die Kantine, da reicht man ihm einen Teller durch die Ausgabe.

"Mehr Scholle"

Wenn er wohin will, nimmt er Bus, Auto oder Flugzeug und tappt nicht kilometerweit über Eis, das ihm noch dazu unter den Füßen schmilzt. Viele Eisbärenfamilien haben sich angesichts des Klimawandels zu Silvester schlicht „mehr Scholle“ gewünscht, berichten die Agenturen und berufen sich dabei auf Polarkreise. Nein, einer, der heute als Eisbär geboren wird, wächst auf in einer Welt, die untergeht.

Es wird jeder einsehen, dass Knut als Mensch die unbeschwertere Jugend verlebt als Knut, der Bär. Solange ihm Herr Dörflein nicht sagt, wer seine wahren Eltern sind, könnte er sich manchmal wundern, aber auch andere Söhne gleichen ihren Vätern nicht aufs Haar.

Vielleicht wären ja aus den meisten Tieren ganz passable Menschen geworden, wenn man sie anders aufgezogen hätte. Möglicherweise muss überhaupt niemand der bleiben, als der er geboren wurde, sondern kann werden, was immer er aus sich macht. Darüber wird Knut sicher einiges zu erzählen haben, wenn man ihn dereinst zu den anderen Eisbären ins Gehege sperrt.

(SZ vom 8.3.2007)

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Leserkommentare (3)



09.03.2007 13:58:52

anatol17: Zur Vertiefung empfehle ich:

"Ein Bär will nach oben" als Lektüre .....wunderbare Vertiefung des Themas Mensch-Bär.

Autor ist Wiliam Kotzewinkel.


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