Von Claudia Fromme

Genetisch weiblich und doch als Junge aufgewachsen: Weil sie offenbar ohne ihr Wissen zum Mann operiert wurde, verklagt eine Düsseldorfer Krankenpflegerin ihren Chirurgen - ein Präzedenzfall.

Christiane Völling wurde offenbar ohne ihr Wissen zum Mann operiert

Christiane Völling ist eine von 80.000 Intersexuellen in Deutschland. (Foto: Claudia Fromme)

Da war diese verschlossene Tür, mehr als 46 Jahre lang. Wie die zu einem Keller, in dem sich etwas verbirgt, man aber nicht weiß, was es ist, weil man den Schlüssel nicht hat. Manchmal dringt Licht durch die Türritzen, manchmal hört man Geräusche.

Man weiß nicht, was sie bedeuten, ahnt nur, dass sie etwas bedeuten. So ging es Christiane Völling: Sie wusste, dass der Schlüssel zu ihren Problemen irgendwo versteckt in der Vergangenheit liegt. Nur wo genau, das konnte sie lange Zeit höchstens ahnen.

Erst vor zwei Jahren gelang es ihr, die Tür aufzuschließen, und das Bild, das sich ihr mit Hilfe alter Krankenakten erschloss, ergab plötzlich sehr viel Sinn: Ihre Eltern nannten sie Thomas, weil die Hebamme im Krankenhaus in Kalkar am Niederrhein ihr Genital als kleinen Penis wertete.

Sie wurde als Junge erzogen, und erst 17 Jahre später stellten die Ärzte fest, dass sie zwei X-Chromosomen hat, also weiblich ist. Trotzdem entnahm man ihr ein Jahr später Gebärmutter und Eierstöcke. Und man gab ihr Hormone, damit sie weiter zum Mann wurde.

"Ein falsches Leben"

Von alldem, sagt Christiane Völling, habe ihr nie einer etwas gesagt. Sie habe nichts gewusst - bis sie die Akten angefordert habe. Seither weiß sie, dass sie intersexuell ist, seither nennt sie sich Christiane. Sie fühle sich als Frau, schon immer. Als der Druck unerträglich wurde, forschte sie in ihrer Vergangenheit. "Ich wurde zwangsvermännlicht", sagt sie.

An diesem Mittwoch klagt sie vor dem Kölner Landgericht gegen den Arzt auf Schmerzensgeld, der ihr im Klinikum Köln-Merheim am 12. August 1977 die weiblichen Geschlechtsorgane entfernt hat.

Christiane Völling sitzt in ihrem Apartment im Wohnheim des Krankenhauses in Düsseldorf-Gerresheim, seit 17 Jahren arbeitet sie in der Pflege. Sie ist 1,60 groß, zierlich, trägt Jeans und Sweatshirt. "Bin kein Rocktyp und werde keiner sein", sagt sie knapp mit dunkler, weicher Stimme. In den Regalen stehen Bücher über Engel, Kunstblumen zieren die Wand.

Ihr Leben liegt vor ihr auf dem Tisch, abgeheftet in einem Ordner - Kopien von Krankenakten, Anwaltsbriefe, die Klageschrift. Darin steht, dass sie "ein falsches Leben" geführt habe und die Operation dafür verantwortlich sei. Selbsthilfegruppen sehen den Prozess nun als Präzedenzfall. Auch anderen wurde ein Geschlecht zugeteilt, das ihnen ein Leben lang fremd blieb.

Christiane Völling ist eine von geschätzten 80.000 Intersexuellen in Deutschland. Menschen, die nicht mit eindeutigem Geschlecht zur Welt gekommen sind. Jeden Tag wird in Deutschland ein intersexuelles Kind geboren. Es gibt unzählige Ausprägungen, nur wenige sind echte Hermaphroditen, bei denen sowohl Eierstöcke als auch Hoden angelegt sind.

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Leserkommentare (5)



12.12.2007 15:00:43

Trotzalledem: ärztlich verordnetes Geschlecht

1.

Die hier angesprochene Problematik zeigt zuerst einmal ein typisches Gefälle zwischen ärzten und Patienten....

Selbstherrliche aber auch hilflose Mediziner entscheiden im Regelfall nach wie vor nicht patientenorientiert. Dies drückt sich deutlich an dem aktuellen Unmut gegenüber immer emanzipierterer Patienten aus. Obwohl es eine "Aufklärungspflicht" z.B. bezüglich des Narkoserisikos gibt, fehlt eine Informationspflicht...Der Arzt entscheidet, ob es dem Patienten gut tut, über SICH und SEINE Krankheit Bescheid zu wissen..

2

Vor 40 Jahren war Lehrmeinung, dass Rollenbilder erlernt werden. (Wissenschaftsmeinung)

Inzwischen gibt es neue Erkenntnisse, die entsprechende Vorstellungen und überzeugungen in Frage stellen...

Ob "ES" sich nun so verhält, wie die neue Gegen-Richtung behauptet: "Alles genetisch, alles hirnorganisch, alles hormonell!" werden wir erst in einigen Jahren erfahren...Bis jetzt bestehen berechtigte Zweifel. Eine Entfernung von der Annahme, dass soziales LERNEN möglich ist, grenzt an den und hinlänglich bekannten Sozialdarwinismus.

Weshalb darf es kein rollenspezifisches Verhalten geben, in dem beide Geschlechter positive Eigenschaften des anderen Geschlechts übernehmen?

In unserer Gesellschaft werden Frauen und Männer benötigt, die - wenn es darauf ankommt - sowohl fürsorglich als auch (konstruktiv) aggressiv sein können.

Wer sich mit dem Thema AGS auskennt weiß, dass -wie im vorliegenden Fall-, eine geschlechtsspezifische Unterscheidung am Organbefund gemessen werden kann. Die (manchmal geringfügige) Korrektur äußerer Geschlechtsmerkmale muss!!! dem entsprechenden Patienten überlassen bleiben.. Der Arzt kennt alle Folgen einer solchen Korrektur.


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