Im Fall der 24 Jahre lang von ihrem Vater eingesperrten Österreicherin kommen immer mehr grausige Details ans Licht. Am Abend gelang es der Polizei, das elektrisch gesicherte Verlies zu öffnen. Die Frau wurde darin mit drei ihrer Kinder gefangen gehalten - offenbar vollkommen ohne Tageslicht.

Amstetten afpGrossbild

In diesem Haus in Amstetten spielte sich das Martyrium ab. (Foto: AFP)

Rund um das graue, unscheinbare Haus in der niederösterreichischen Stadt Amstetten ist es am Sonntagnachmittag still. Einige Rollläden sind heruntergelassen. Vorhänge zugezogen. Kriminalisten in weißen Overalls durchsuchen das Grundstück. Josef F. soll seine Tochter Elisabeth hier im Keller 24 Jahre gefangen gehalten und immer wieder sexuell missbraucht haben.

Die Nachbarn sind schockiert. Sie haben, so beteuert ein junger Mann im ORF- Fernsehen, auch jetzt erst von dem unvorstellbaren Verbrechen erfahren. "Des kann ja net wahr sein", sagt er: "Das waren immer so nette Leut'!"

Wieder ist ganz Österreich erschüttert über ein Verbrechen, das sich niemand überhaupt vorstellen mag. Schon die Flucht von Natascha Kampusch nach acht Jahren in der Gewalt ihres Entführers Wolfgang Priklopil im August 2006 hatte lähmendes Entsetzen ausgelöst. Doch jetzt ist eine 42-Jährige befreit worden, die dreimal so lange in der Hand ihres Peinigers war. 24 Jahre - und der mutmaßliche Täter war laut Polizei der eigene Vater.

"Einfacher und ganz normaler Mann"

Noch ist nicht klar, wie der 73-jährige Joseph F., der als "einfacher und ganz normaler Mann" beschrieben wird, seine Tochter so lange verstecken konnte, ohne dass zumindest seine Frau etwas bemerkte. Wie war es möglich, dass er drei der sieben Kinder, die er gewaltsam mit seiner Tochter zeugte, zusammen mit seiner Frau aufziehen und in die Schule schicken konnte, ohne dass die Behörden skeptisch wurden?

Erst am Sonntagabend gelang es der Polizei, das elektrisch gesicherte Verlies zu öffnen, das der mutmaßliche Täter offenbar im Keller seines Hauses für die Tochter und ihre Kinder angelegt hatte. Die 42-Jährige und drei Kinder lebten in den sehr engen und niedrigen Räumen viele Jahre lang offenbar ohne Tageslicht.

Josef F. hatte der Polizei den Code für die mehrfache Sicherung des Gefängnisses kurz zuvor verraten. Der Mann verweigere nach wie vor die Aussage, habe jedoch erklärt, seine Familie "täte ihm leid", sagte ein Polizeisprecher am Abend.

Bisher, so sagt die Polizei, gibt es wenigstens keine Anzeichen, dass Joseph F. auch seine Enkel vergewaltigt hat. Seine Frau Rosemarie will nach eigenen Angaben von der Situation nichts mitbekommen haben. "Sie hat es als gegeben hingenommen", sagt der Leiter des Landeskriminalamtes Niederösterreich.

Wie Elisabeth F. nach dem Zugriff der Polizei angab, hatte ihr Vater sie seit ihrem elften Lebensjahr immer wieder missbraucht. Am 24. August 1984 habe er sie in den Keller gelockt, gefesselt und eingesperrt. Kurz darauf wurde sie von Josef F. bei der Polizei als "vermisst" gemeldet. Josef F. hatte in den vergangenen Jahrzehnten Polizei und Öffentlichkeit immer wieder mit Erzählungen getäuscht, seine Tochter lebe möglicherweise bei einer Sekte.

Von den sieben Kindern, die die stark traumatisierte Elisabeth F. in ihrem Kellerverlies gebar, starb eines nach der Geburt. Drei Kinder - die inzwischen 19-jährige Tochter Kerstin, der 18-jährige Stefan und der fünfjährige Felix - mussten bei der Mutter in ihrem Gefängnis bleiben. Sie besuchten keine Schule.

Nur durch die lebensgefährliche Erkrankung Kerstins, die seit einigen Tagen im Krankenhaus liegt und in Lebensgefahr schwebt, kam die Polizei dem Verbrechen überhaupt auf die Spur. Wahrscheinlich waren ihre Mutter und der Josef F. auf dem Weg zu ihrem Krankenbett, als die Polizei sie entdeckte.

Die Ermittler entdeckten außerdem einen Brief aus dem Jahre 1984, in dem es hieß: "Sucht mich nicht, denn es wäre zwecklos und würde mein Leid und das meiner Kinder nur erhöhen."

(sueddeutsche.de/dpa/AFP/dmo/mel)

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