Am Tag nach der Dachbesteigung des Angeklagten Mario M. bauen sich die Verantwortlichen ein paar Schutzwälle.
Der Angeklagte Mario M. mit zwei Beamten des Sondereinsatzkommandos Foto: ddp
Kommt er? Oder kommt er nicht? Und wenn ja, wie wird man ihn vorführen, und in welchem Zustand wird er sein?
Bis vier Uhr morgens hat Mario M. auf dem Dach der Justizvollzugsanstalt Dresden ausgeharrt, ehe er sich von zwei Beamten eines Sondereinsatzkommandos (SEK) widerstandslos abführen ließ. Es muss zum Schluss sehr ungemütlich gewesen sein da oben auf dem Dach. Eine Regenfront zog über Dresden hinweg, es wehte ein böiger Wind.
Und jetzt, fünf Stunden später, warten die Journalisten vor dem Saal 0.86 im Dresdner Landgericht, ob die Verhandlung gegen Mario M. einfach so wie geplant fortgeführt wird.
Es ist kein angenehmer Morgen für die sächsische Justiz. Die Bilder vom Vortag, wie der Mann da oben stand, großspurig die Hände in den Taschen, und ganz wörtlich in Augenhöhe mit der Polizei verhandelte, das ist an Peinlichkeit schwer zu überbieten, ganz unabhängig davon, ob wirklich jemand hätte voraussehen können, dass der 35-Jährige urplötzlich wie ein Affe an der Gefängnisfassade emporklettert.
Der Vater der 14-jährigen Stephanie, die Mario M. im Januar entführt und fünf Wochen lang auf massivste Art sexuell missbraucht hatte, hat vor der Fernsehkamera nahezu die Fassung verloren über dieses neuerliche Versagen der Justizbehörden - man kann es ihm nachfühlen. Stephanie, hat der Vater klar gestellt, werde unter diesen Umständen nicht, wie für diesen Vormittag geplant, als Zeugin vor Gericht erscheinen.
Der Vorsitzende Richter Tom Maciejewski hat daraufhin das vollständige Fotografierverbot für das Gerichtsgebäude aufgehoben. Jetzt lauern die Fotografen also wieder. Kommt er?
Er kommt, aber zu fotografieren gibt es nichts. Justizbeamte verhängen die Glastür zu dem Flur, über den der Angeklagte hereingeführt werden soll, mit schwarzen Tüchern. Der Vorsitzende Richter teilt mit: Mario M. befindet sich schon im Gebäude, er werde von einem Gerichtsmediziner auf seine Verhandlungsfähigkeit untersucht. Im Publikum werden höhnische Rufe laut: "Oooch, der Arme." Kurz nach zehn Uhr ist es soweit.
Durch die Tür in der Rückwand des Gerichtssaals kommen sieben SEK-Männer, mit schwarzen Sturmhauben vermummt, dann wird Mario M. in den Saal geführt, an Händen und Füßen gefesselt, die Hände stecken in unförmigen schwarzen Handschuhen. Das Gericht betritt den Saal, alle erheben sich, auch Mario M., mühsam und etwas schwankend. Der Vorsitzende sagt, dass ein Arzt des Instituts für Rechtsmedizin an der TU Dresden den Angeklagten für "insgesamt nicht verhandlungsfähig" erklärt habe. Dieser habe seit Sonntag nichts gegessen und getrunken, er leide an Gleichgewichtsstörungen.
Die Verhandlung soll am 21. November fortgesetzt werden. Die vermummten Männer führen Mario M. wieder hinaus. Als sie an Maciejewski vorbeikommen, bleibt Mario M. stehen und hält dem Richter mit anklagender Geste seine gefesselten und behandschuhten Hände vor. Maciejewski zuckt nur mit den Schultern.
Die Gerichtssitzung ist geschlossen, aber wenige Minuten später gehen im Presseraum der Dresdner Staatskanzlei die Scheinwerfer an: Sachsens Justizminister Geert Mackenroth (CDU) versucht in einer Pressekonferenz, sich und seine Beamten aus der Schusslinie zu nehmen. Natürlich sei es "gerechtfertigt, von einer Panne zu sprechen", sagt der Justizminister und lässt die Dachbesteigung schon im ersten Satz zu einem bedauernswerten "Vorgang" zusammenschmelzen. Und er legt Wert auf die Feststellung, dass es "ein singuläres Ereignis gewesen ist".
Schlimmer als die Sache selbst ist für Mackenroth offenbar die Tatsache, dass sie sich vor laufenden Kameras abgespielt hat. Die TV-Bilder von dem Mann auf dem Gefängnisdach hätten den "Eindruck erzeugt, als ob der Täter der Justiz auf der Nase herum tanzt", sagt Mackenroth, und ihm ist anzumerken, wie peinlich er dies findet, noch dazu in einer Situation, wo die Justiz hätte Stärke zeigen müssen - auch und vor allem für die Schülerin Stephanie, die schon mehrfach verlauten ließ, dass sie nichts mehr fürchtet, als dass Mario M. ihr noch einmal zu nahe treten könnte.
Sicher sei "der Vorgang" furchtbar für das Mädchen, sagt der Justizminister, doch er behauptet: "Aus rechtstaatlicher Sicht gab es zu den Bildern leider keine Alternative."
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