Die ARD reanimiert eine prominente Leiche, im Radio dudelt "Killing me softly" - und Sat1 schaltet Schreinemakers ab. Damals, im Sommer 1996.
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Margarethe Schreinemakers, Talkshow-Nervensäge der 90er, liegt 1996 mit dem Fiskus im Clinch. Foto: AP
Das Sommerloch, 1996 findet es zu sich selbst. Weil so wenig passiert, machen die Medien sich einfach selbst zum Thema. Zunächst versucht die ARD, ihre prominenteste Leiche zu reanimieren: Die Samstagabend-Show.
"Showlympia“ und "Allein oder Fröhlich“ heißen unter anderem die Sommer-Showzombies, die schneller ins Fernsehgrab zurücktorkeln, als man "Wetten dass“ sagen kann.
Ein Zugpferd wie Schreinemakers wäre was. Doch die hat ganz andere Sorgen. Die Sozial-Talkerin von Sat 1 liegt mit dem Fiskus im Clinch, es geht um Millionen. Der Boulevard höhnt, Zweitreihen-Politiker wie der CSU-Mittelstands-Vertreter Klaus Bregger poltern: "Wer seine Steuern hinter der Grenze abgibt, der sollte am besten auch gleich seinen Reisepaß dort abgeben.”
Rache von Theo, mutmaßt die Gejagte, nur weil sie einmal des Finanzministers Ex-Frau in ihre Sendung eingeladen hat. Waigel dementiert, Schreinemakers zetert: Sie leide ja nicht unter Verfolgungswahn, aber: "Hier soll eine Frau plattgemacht werden.” Im Radio läuft dazu "Killing me Softly”, der Sommerhit 1996.
Bevor es soweit kommt, will Schreinemakers ihren Fall noch mal öffentlich besprechen, am besten mit sich selbst und in ihrer eigenen Sendung. "Wir sind der Auffassung, dass Moderatoren in ihren eigenen Sendungen keine persönlichen Angelegenheiten aufrollen sollten”, sagt dazu Sat 1-Chef Fred Kogel und droht, im Fall der Fälle die eigene Live-Show abzubrechen.
"Total besteuert“ nennt der Spiegel die Quassel-Queen, die Nation erwartet derweil mit Spannung den Showdown: Tut sie’s? Tut sie’s nicht? Restnachrichten wie die Unruhen auf Zypern oder die Enthüllungen des Kinderschänders Marc Dutroux verblassen.
Dann: Der Tag der Sendung. Zu Beginn kündigt Schreinemakers quotenträchtig ihre Enthüllungen für das Ende der Show an. “Einen Menge Mist“ sei über sie geschrieben worden, 2da wird in Kübeln Dreck über mich ausgegossen.“ Der Sender demontiert das eigene Quoten-Zugpferd im Gegenzug in den Werbepausen.
Ein Clip des Stern läuft, Titelgeschichte: "Schreinemakers' krumme Tour mit der Steuer“. Harald Schmidt ätzt in einem Trailer für seine Late-Night-Show: Kübelweise Dreck habe man seit Beginn seiner Sendung über ihn ausgegossen. Sat 1 habe sogar gedroht, "meine Show heute Abend auch noch auszustrahlen“.
Um 23.49 Uhr schreibt Sat1 Fernsehgeschichte und schaltet "Schreinemakers live“ ab. Nachrichtensprecher Ulrich Meyer verliest mit traurigem Blick eine Stellungnahme des Senders. Schreinemakers weint sich am nächsten Tag bei der Konkurrenz von RTL aus, zu der sie ohnehin 1997 wechseln will.
Bei all dem Trubel bemerkt kaum jemand, dass in jenem Sommer die Mutter aller Sommerloch-Medien ihr Erscheinen einstellt. Prawda, das ehemalige KPdSU-Zentralorgan, hat nur noch 200.000 statt einst 11 Millionen Auflage. Auch griechische Investoren können das Blatt nicht retten. Prawda, zu deutsch "Wahrheit“, druckte stets die unglaublichsten Geschichten. Und das das ganze Jahr.
(sueddeutsche.de)
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