Von Reymer Klüver

John Allen Muhammad hat als Sniper von Washington zehn Menschen getötet - am Dienstag soll er hingerichtet werden.

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John Allan Muhammad terrorisierte als Sniper von Los Angeles 23 Tage lang Millionen Amerikaner und soll jetzt hingerichtet werden. Foto: AFP

Hätte die Polizei doch damals nur auf sie gehört. Auf sie, seine Frau. Unendliches Leid wäre verhindert worden. Zehn Menschen könnten noch leben. Millionen wären nicht für Wochen in Angst und Schrecken versetzt worden. Und ihr Ex-Mann würde nun nicht in der weißgetünchten Todeszelle im Gefängnis von Greensville in Virginia sitzen: der Sniper von Washington, der Serienkiller John Allen Muhammad. Für diesen Dienstag ist die Hinrichtung des 48-Jährigen mit der Giftspritze angesetzt.

Lange 23 Tage hatte Muhammad im Oktober 2002 zusammen mit seinem damals 17-jährigen Komplizen Lee Boyd Malvo die Vororte der US-Hauptstadt in den Bundesstaaten Maryland und Virginia terrorisiert, ehe die beiden auf einem Rastplatz festgenommen wurden. Mit einem Präzisionsgewehr hatten sie aus dem Hinterhalt zehn Menschen erschossen, meist an Tankstellen und auf Supermarktparkplätzen. Wahllos hatten sie ihre nichtsahnenden Opfer ausgesucht. Zum Tode verurteilt wurde Muhammad für einen Mord in Manassas, einer Kleinstadt südwestlich von Washington. Malvo, ein gebürtiger Jamaikaner, den er als seinen Sohn bezeichnete, erhielt eine lebenslange Haftstrafe ohne die Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung.

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Muhammads Ex-Frau Mildred hat ein Buch über ihre Erinnerungen an das Leben mit dem Mörder verfasst. Foto: AFP

Ex-Frau schreibt über ihr Leben mit dem Killer

Seine geschiedene Frau Mildred, die in diesem Jahr ein Buch über ihr Leben mit dem späteren Killer veröffentlicht hat, glaubt, dass Muhammad die Mordserie nur gestartet hat, um am Ende auch sie zu erschießen. Sie lebte damals in der Wohnung ihrer Schwester in einem Washingtoner Vorort. "Es ist schrecklich, dass unschuldige Menschen sterben mussten, weil John den Mord an mir vertuschen wollte", sagt die 50-Jährige.

Tatsächlich waren sie 1999 geschieden worden. Unter anderem hatte sie gewalttätige Übergriffe ihres Mannes als Grund für die Trennung genannt. Das Sorgerecht für ihre drei gemeinsamen Kinder hatte die Frau erhalten. Muhammad hatte die Scheidung nie verwunden und hatte seine Frau mehrmals bedroht, um die Kinder zurückzuerlangen. Seine Frau hatte der Polizei die Übergriffe gemeldet, damit aber keine weiteren Ermittlungen ausgelöst. "Hätten sie nur auf mich gehört, hätten sie seinen Namen im National Crime Information Center (dem zentralen Kriminalitätsregister der USA) aufgenommen, wäre er nur behandelt worden", sagt sie, alles wäre vielleicht nicht so weit gekommen.

In dem Buch schildert die Frau, dass Muhammad völlig verändert 1992 aus seiner Dienstzeit in der US-Armee im ersten Golfkrieg zurückgekehrt war. "Er war verwirrt, die ganze Zeit deprimiert. Er wusste nicht mehr, was er eigentlich wollte."

Aufschub wegen möglicher Unzurechnungsfähigkeit

Tatsächlich glaubt Muhammads Anwalt Jon Sheldon, dass sein Mandant als Kriegsveteran am sogenannten Golfkriegssyndrom gelitten hat und nicht zurechnungsfähig ist. Sheldon hat das Oberste Gericht in Washington um Aufschub gebeten, um zu klären, ob sein Mandant unzurechnungsfähig ist. Während seines Mordprozess im Jahr 2004 habe Muhammad an "Wahnvorstellungen" gelitten. Sheldon hatte ihn während des Prozesses nicht vertreten. Vielmehr hatte der sich zeitweise selbst verteidigt, ehe er die Hilfe eines Pflichtverteidigers annahm.

Mit derselben Begründung hat Sheldon auch ein Gnadengesuch bei Virginias Gouverneur Tom Kaine eingereicht. Der hatte indes bereits im September erklärt, dass er keinen Grund sehe, die Hinrichtung zu stoppen. Es gebe keinen Zweifel an der Schuld Muhammads, und er könne auch keine Verfahrensfehler entdecken. Allerdings hatte er zugesichert, ein Gnadengesuch zu prüfen.

Muhammads Anwalt sprach hingegen von deutlichen Verfahrensfehlern in dem Mordprozess. Nie hätte das Gericht es erlauben dürfen, dass Muhammad sich selbst verteidigt. Zudem seien in dem Prozess Unterlagen nicht zugelassen worden, die Muhammad Hirnverletzungen und Schizophrenie attestierten. Das hätte unter Umständen zu einem anderen Strafmaß geführt. "Wir bitten nicht im mindesten um Nachsicht. Wir behaupten auch nicht, dass er nicht für diese Verbrechen verantwortlich wäre", sagte Sheldon. Eine der Geschworenen erklärte unterdessen, dass sie sich gegen die Todesstrafe ausgesprochen hätte, wären ihr diese Fakten bekannt gewesen. Ein Berufungsgericht in Virginia hatte das Urteil indes im Sommer bestätigt.

Letztes Treffen mit Ex-Frau und Kindern

Seine Ex-Frau und seine drei Kinder haben seit seiner Festnahme 2002 nicht mehr mit Muhammad gesprochen. Allerdings haben sie ihm vor kurzem einen Brief geschrieben und um ein Treffen vor dem Exekutionstermin gebeten. Mildred Muhammad sagt, dass ihre Kinder die Mordtaten nicht im mindesten rechtfertigten. Sie hätten viele Dokumentationen über die Mordserie im Fernsehen verfolgt. Und sie wüssten, dass viele Menschen nichts lieber wünschten als den Tod ihres Vaters. "Trotz allem ist er immer noch ihr Vater", sagt die Frau, die selbst um ihr Leben fürchten musste. Ihr Sohn, der inzwischen studiert, und ihre beiden Töchter im Teenager-Alter "sollten ihn noch einmal sehen, "damit sie ihm noch ein letztes Mal 'Ich liebe dich' sagen können".

Dass so kurz vor der Hinrichtung noch ein Besuch anberaumt wird, ist indes zweifelhaft: Im Todestrakt von Greensville gibt es keine Besuchszimmer.

(SZ vom 09.11.2009/abis)