Ein Kommentar von Wolfgang Roth

Der erste Bär, der seit der Ausrottung vor 170 Jahren wieder deutschen Boden betritt, wird auf Geheiß von oben gemeuchelt. Für die Rückkehr des großen Raubtiers ist der Boden in Deutschland noch nicht bereitet.

Es gab einmal eine Zeit, in der sich die Menschen auf dem Land das Fleisch für den Kochtopf unter Lebensgefahr besorgen mussten, indem sie in den Wäldern wilderten. Daran erinnert die Geschichte vom Wildschütz Jennerwein, der vom feigen Jäger hinterrücks erschossen wurde.

Das bedauernswerte Ende des Braunbären, der Bruno genannt wird, ist der Stoff für eine moderne Moritat. Wo vielen Menschen die Jagd an sich Frevel und jeder Jäger ein Unhold ist, muss es doppelt verwerflich erscheinen, dass der erste Bär, der seit der Ausrottung im Jahr 1835 wieder deutschen Boden betritt, auch noch auf Geheiß von oben gemeuchelt wird.

Dieser Boden ist noch heiß für die großen Raubtiere. Bruno mag ein besonders zudringliches Exemplar gewesen sein, aber so scheu, wie die Bären einmal waren, sind sie nur mehr selten. Sie finden heute in Bayern eine wesentlich dichter besiedelte Region vor und sind nicht mehr dem gnadenlosen Jagddruck früherer Zeiten ausgesetzt. Der Allesfresser lernt schnell, wo leichte Beute zu machen ist. Den Menschen sucht er dabei nicht, aber er kommt ihm nah.

Der Grund, weshalb Braunbär Bruno sterben musste: Er riss Schafe und kam den Menschen mehrmals gefährlich nahe. (Foto: dpa)

Darin steckt Konfliktpotenzial, das zu leugnen jenen am leichtesten fällt, die sowieso nie in Kontakt mit diesem Tier kommen können. Dass er Schafe und Hühner reißt, ist nicht das große Problem. Eine Gesellschaft, die sich in der Mehrheit und zu Recht über die Rückkehr von Bären und Wölfen freut, muss dann auch bereit sein, für den Schaden aufzukommen.

Bizzares Schauspiel mit finnischen Bärenjägern

Es zeugt aber von nonchalanter Überheblichkeit, wenn den Leuten im Oberland gesagt wird, sie sollten sich nicht so haben, nur weil ein Bär auf dem Gehsteig ihres Ortes flaniert oder sich in ihren Vorgärten aufhält.

Und käme es, was extrem unwahrscheinlich ist, zu einem unglücklichen Zusammentreffen, kann man sich gut vorstellen, wie es dann dem zuständigen Minister erginge: Eine öffentliche Hinrichtung wäre ihm sicher, allerdings nur in Hinblick auf die politische Karriere.

Es wird wegen der geschützten Bestände in Italien und Österreich weitere Zuwanderer geben. Das bizarre Schauspiel mit den eingeflogenen finnischen Bärenjägern, vor allem aber Brunos Tod sollte Anlass sein, sich nun gezielt auf eine Wiederansiedlung vorzubereiten.

Weder Schmuseteddy noch Killer

Auch in Österreich wurden die großen Wildtiere nicht gleich stürmisch begrüßt. Es bedurfte zäher Überzeugungsarbeit und eines Managements, welches verhindert, dass sich Bär und Mensch zu nahe kommen. Ställe lassen sich besser sichern; dreisten Bären kann mit Gummigeschossen gezeigt werden, dass der Besuch menschlicher Siedlungen kein reines Honigschlecken ist.

Daneben ist Aufklärungsarbeit nötig. Es bedarf wildbiologischer Informationen frei von Kuschelromantik und Panikmache: Ein rechter Braunbär ist weder ein Schmuseteddy noch ein Killer.

 
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Den Tod eines so seltenen Tieres zu betrauern, ist eine Sache. Auf einem anderen Blatt steht, dass nun haufenweise Morddrohungen gegen die Schützen und Politiker eingehen. Das zeugt davon, dass bei manchen Menschen ein paar Maßstäbe verrückt sind.

Dass das bayerische Umweltministerium im Fall von Bruno besonders stringent agiert hat, kann man nicht behaupten. Für die von manchen propagierte Lösung – die Betäubung des Bären und seine Unterbringung in einem Wildpark – hätte es aber erstens sehr glücklicher Umstände bedurft. Zweitens ist ein wild aufgewachsener Bär in einem Gehege ein armer Hund.

Es hängt nicht von einem einzigen Exemplar ab, ob das Bayernland wieder Bärenland wird. Der Wirbel um Bruno hat vielleicht ein Gutes: dass der nächste Immigrant in Pelz bessere Bedingungen vorfindet.

Aber niemand sollte erwarten, dass er sich so scheu wie ein Reh verhält. Bären, vor allem, wenn sie jung sind, machen das eine oder andere Problem, auch wenn sie nicht als Problembären abgestempelt sind.

(SZ vom 27.6.2006)

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