Von Johannes Nitschmann

Der Essener Chirurg und Träger des Großen Verdienstkreuzes, Christoph Broelsch, soll Geldspenden für OP-Termine kassiert haben - die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Professor Christoph Broelsch ist kurz angebunden. "Interessiert mich nicht. Ich bin ganz weit weg", ruft der prominente Chirurg in sein Handy. Auf einer Dienstreise in den USA haben den Leiter des Transplantationszentrums an der Universitätsklinik Essen schwere Vorwürfe aus der Heimat eingeholt.

Broelsch, 62, soll von verzweifelten Krebs-Patienten für eine Vorzugsbehandlung und einen raschen Operationstermin hohe Spenden an die Uni-Klinik verlangt haben. Die Staatsanwaltschaft Essen hat gegen den Leibarzt des ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau ein Strafermittlungsverfahren eingeleitet.

"Wir ermitteln wegen des Verdachts der Erpressung und der Vorteilsannahme", sagte Oberstaatsanwalt Wilhelm Kassenböhmer am Donnerstag der Süddeutschen Zeitung. Die Einleitung der Strafermittlungen gegen Broelsch sei "von Amts wegen" erfolgt, nachdem die illegalen Spendenpraktiken an der Uniklinik Essen durch eine 67-jährige Patientin bekannt geworden seien. Nordrhein-Westfalens Hochschulminister Andreas Pinkwart (FDP) sprach von einem "unerhörten Vorgang", falls sich die Vorwürfe bewahrheiteten. Pinkwart forderte eine "lückenlose Aufklärung".

Im Januar dieses Jahres hatte sich eine 67-jährige Bocholterin, die an Leberkrebs erkrankt war, in der Universitätsklinik Essen um einem Operationstermin bemüht. Angeblich ließ die Klink drei OP-Termine platzen. Als sich der Sohn der Patientin an die Chirurgie-Abteilung wandte, soll ihm die Sekretärin von Professor Broelsch signalisiert haben, seine Mutter könne sofort ein Bett bekommen, wenn sie eine Spende von 5000 Euro leiste. Kritische Nachfragen zu dieser Forderung habe die Sekretärin mit den Worten abgewehrt: "Mein Chef will das so."

Zwischen 5000 und 10.000 Euro

Die BKK-Gesundheitskasse, bei der die 67-jährige Krebspatientin versichert ist, riet ihr von einer Zahlung der 5000Euro entschieden ab. "Da wurde Monetik über Ethik gestellt", empört sich BKK-Abteilungsleiter Achim Beißel. Der Präsident des Allgemeinen Patientenverbandes, Christian Zimmermann, will in der Vergangenheit von ähnlichen Praktiken gehört haben. "Meist werden die Spendenzahlungen nur geschickter kaschiert."

Nach den Erkenntnissen der Ermittler hatte Broelsch Kassenpatienten in zahlreichen Fällen angeboten, sie wie Privatpatienten zu behandeln und zügig zu operieren. Als Gegenleistung soll er eine "Mindestspende" auf das "Spendenkonto Leberforschung" der Essener Uniklinik gefordert haben. Die Höhe der Spenden lag zwischen 5000 und 10000 Euro.

Ein Sprecher der Klinikleitung bestätigte, dass Broelsch in der Vergangenheit "auf unkonventionelle Art" Spenden bei Patienten eingetrieben habe. Der ärztliche Leiter der Essener Uni-Klinik, Werner Havers, distanzierte sich von diesen Praktiken: "Das war unrechtmäßig und gegen alle Gesetze." Die Universitätsleitung kündigte "dienstrechtliche Maßnahmen" gegen Broelsch an.

Bereits im Jahre 2003 hatte die Staatsanwaltschaft gegen den Essener Chef-Chirurgen wegen verbotenen Organhandels ermittelt. Damals stand Broelsch im Verdacht, vermögenden Israelis Nieren aus der Ukraine transplantiert zu haben. Die Organe stammten angeblich nicht von Verwandten, wie dies das Gesetz verlangt. Weil der Aufenthaltsort der dubiosen Spender nicht aufgeklärt werden konnte, wurden die Ermittlungen eingestellt. Wenig später erhielt Broelsch das Große Verdienstkreuz: "für seine herausragenden Leistungen in der Chirurgie".

(SZ vom 18.5.2007)