Eine Mutter wartet mit ihren Kindern darauf, in Sicherheit gebracht zu werden Foto: dpa
Fast 300.000 Schwarze wurden gezwungen, in unzureichend versorgten Flüchtlingslagern zu hausen. Das führte zunächst zu Rassenunruhen, dann beschleunigten die Flutfolgen die massenhafte Abwanderung der Schwarzen in den Norden, die Machtmonopole der weißen Großgrund- und Plantagenbesitzer fielen und das beherzte Eingreifen der Bundesregierung gab eine erste Ahnung von den umwälzenden sozialen Veränderungen des New Deal.
Die Parallelen zur momentanen Krise sind ganz offensichtlich. Wieder waren es menschliches Versagen und Gier, die zur Flutkatastrophe geführt haben. Das örtliche Army Corps of Engineers hat die Behörden seit Jahren gewarnt, dass die Deiche um New Orleans nur unzureichenden Schutz vor Überflutung bieten.
Sebastian Junger, Autor des Tatsachenromans „The Perfect Storm“, berichtete im Wall Street Journal schon vor fünf Jahren, dass die Dämme einem Hurrikan nicht standhalten können. Doch anstatt die notwendigen Renovierungsmaßnahmen einzuleiten, wurden die Mittel für den Schutz der Golfregion von der Bundesregierung während der letzten Jahre rigoros gekürzt. Erst Anfang des Jahres hatte Washington 71 Millionen Dollar Mittel für Schutzmaßnahmen im Hurrikangebiet gestrichen.
Doch die politische Dynamik ist diesmal genau umgekehrt. War es damals die von rassistischen Interessensgruppen bestimmte Lokalregierung, die Rettungsmaßnahmen für die verarmten Schwarzen torpedierte, und eine beherzte Bundesregierung, die zur Hilfe kam, sind es diesmal hoffnungslos überforderte städtische und regionale Behörden, die versuchen zu retten, was zu retten ist, während eine lethargische Bundesregierung nur schleppend reagiert und mit ihren Rufen nach Ordnung und Sicherheit den Eindruck erweckt, den Opfern den Krieg erklärt zu haben.
Der rassistische Unterton dieser Haltung schlägt sich inzwischen schon in der Berichterstattung nieder. Wenn Schwarze sich in ihrer Not mit Lebensmitteln aus verwaisten Geschäften versorgen, nennen die Nachrichtenagenturen das Plündern. Wenn Weiße dies tun, heißt es, sie versorgen sich mit dem Lebensnotwendigen.
Und wieder hat es eine verarmte schwarze Unterschicht getroffen, die trotz ausreichender Vorwarnung nicht die Möglichkeit hatte, sich in Sicherheit zu bringen. Wieder haben die Behörden Zehntausende Schwarze in Behelfslagern zusammengepfercht, währen zahlungskräftige Hotelgäste schon vor Tagen in klimatisierten Komfortbussen evakuiert wurden.
Es bleibt abzuwarten, wie die amerikanische Wählerschaft auf das Versagen in New Orleans reagiert. Die Flut von 1927 war ein entscheidender Faktor, dass Huey Long 1928 die Wahl zum Gouverneur von Louisiana und Herbert Hoover 1929 die Wahl zum Präsidenten gewannen. Auf diese Weise kamen zwei hartnäckige Kämpfer gegen die Armut ins Amt.
Ob das derzeitige Versagen der Bundesregierung zu politischen Veränderungen führt, ist noch schwer abzuschätzen. Natürlich stellt sich auch die Frage, ob die Folgen des Hurrikans „Katrina“ in den USA nicht endlich die lang überfällige Diskussion über die Ursachen und Folgen der Klimaveränderungen auslösen. Bisher gibt es kaum Stimmen, die auf solche Zusammenhänge hinweisen.
Lediglich Robert Kennedy Junior, Umweltanwalt und Neffe von John F. Kennedy, prangerte in einem Leitartikel für das Online-Magazin Huffington Post die Regierung an, das Kyotoprotokoll systematisch zu torpedieren. Die Reaktionen darauf waren einmütig – hier wolle die Linke ihre Positionen auf Kosten der Opfer von New Orleans durchdrücken. In New Orleans hat sich gezeigt, dass das geheiligte amerikanische Prinzip der Eigenverantwortung im Moment der Krise innerhalb von Stunden an seine Grenzen stößt. Bis zur Diskussion einer globalen Verantwortung für die Zukunft des Planeten ist da noch ein weiter Weg.
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