24. Januar 2013 17:33 Nach sieben Jahren Haft in Mexiko Französin Cassez kehrt in die Heimat zurück

Von Michael Kläsgen, Paris

Sie zog nach Mexiko und verliebte sich ausgerechnet in einen Bandenchef und Schwerverbrecher. Kurze Zeit später saß die Französin Florence Cassez im Gefängnis. Das Urteil: 96 Jahre Haft. Am Ende dauerte ihre Odyssee sieben Jahre.

Es ist das Ende eines Justiz-Dramas, das die französisch-mexikanischen Beziehungen sieben Jahre lang zeitweise stark belastete. Florence Cassez ist frei. Mit knapper Mehrheit von drei zu zwei Stimmen entschieden die fünf zuständigen Richter in Mexiko-Stadt am Mittwochabend, die 38-jährige Französin sofort aus der Haft zu entlassen. In schusssicherer Weste und begleitet von einem großen Polizeikonvoi fuhr sie daraufhin mit ihrem Vater zum Flughafen. Am Donnerstagnachmittag stieg sie mit einem strahlenden Lächeln in Paris aus dem Flugzeug, wo sie Außenminister Laurent Fabius empfing.

2003 war sie mit ihrem Bruder nach Mexiko gezogen, der dort eine Firma gründete. Im Oktober 2004 lernte sie den Mexikaner Israel Vallarta kennen, der sich als Autohändler ausgab, in Wahrheit aber Anführer einer kriminellen Bande war. Ein Jahr lebte sie mit ihm auf der Ranch Las Chinitas in der Nähe von Mexiko-Stadt. Im Dezember 2005 wurden beide verhaftet. Die Polizei ließ den Übergriff einen Tag später originalgetreu für das Fernsehen nachspielen. Vallartas Bande stand im Verdacht, einen Mord und mehrere Entführungen auf dem Gewissen zu haben.

Die mexikanische Justiz konnte nie zweifelsfrei beweisen, dass Cassez an den Verbrechen beteiligt war. Dennoch verurteilte sie die Französin zu 96 Jahren Haft. Ein Berufungsgericht verkürzte die Strafe später auf 60 Jahre. Cassez beschwor stets ihre Unschuld. Der frühere französische Präsident Nicolas Sarkozy hatte sich ihres Schicksals persönlich angenommen und bei einer Staatsvisite in Mexiko ihre Freilassung gefordert. Sein Nachfolger François Hollande wirkte diskreter im Hintergrund. Die Richter des Obersten Gerichtshofs entschieden schließlich im Sinne der Französin. Sie befanden, Cassez seien fundamentale Rechte vorenthalten worden. Auch für sie gelte die Unschuldsvermutung.

Beobachtern zufolge hat der Sinneswandel maßgeblich mit dem Regierungswechsel in Mexiko zu tun. Der neue Präsident Enrique Pena Nieto habe die Affäre schnell loswerden wollen, weil sie das Image des Landes im Ausland beschädige. Sein Vorgänger Filipe Calderon hatte hingegen die Inhaftierung Cassez' stets befürwortet. Seit seiner Abwahl sollen die Richter aber nicht nur politisch unter Druck geraten sein. Manchen sei auch körperliche Gewalt angedroht worden. Von wem, blieb unklar. Tatsache ist, dass sich die Richter zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres mit dem Fall befassten. Im März 2012 hatte der damals zuständige Richter bereits die sofortige Freilassung Cassez' wegen schwerer Verfahrensfehler gefordert, doch dafür zunächst keine Mehrheit erhalten.

Ein Verdacht bleibt bestehen

Internationale Organisationen wie Human Rights Watch hatten sich für Cassez eingesetzt, die Haft-Befürworter hatten dagegen mit der Abwahl Calderons an Terrain verloren. Für Cassez sprach auch, dass ein bekannter mexikanischer TV-Moderator einräumte, die Inhaftierung der Bande sei aus politischen Gründen im Fernsehen inszeniert worden. Dennoch bleibe ein bitterer Beigeschmack, bemängelten mexikanische Kommentatoren. Cassez sei zwar nun auf freiem Fuß, aber nicht von ihrer Schuld freigesprochen worden. Der Verdacht bleibe bestehen, dass sie von den Machenschaften der Bande gewusst habe.

Cassez betonte in Paris hingegen auf einer Pressekonferenz am Flughafen, das Gericht habe sie für unschuldig erklärt, sonst hätte es sie nicht freigelassen. Verbände von Entführungsopfern in Mexiko kritisierten die Freilassung. Sie befördere die Willkür der Justiz. Hollande erklärte hingegen, "Wahrheit und Gerechtigkeit" hätten obsiegt. Am Mittwochabend hatte er mit Cassez telefoniert. Am Freitag will er sie im Elysée empfangen.