18. Februar 2013 18:07 Kindermörder Dutroux Von Reue keine Spur

Erleichterung unter den Angehörigen der Opfer: Der verurteilte Mörder Marc Dutroux darf den Rest seiner Strafe nicht mit einer Fußfessel außerhalb des Gefängnisses verbringen. Das hat jetzt ein Gericht in Brüssel entschieden. Bald aber möchte der Verbrecher einen neuen Antrag stellen.

Von Javier Cáceres, Brüssel

Für das Foto, welches die belgische Zeitung Le Soir am Montagvormittag in ihrer Onlineausgabe veröffentlichte, richtete sich Jeannine Dutroux nicht weiter her. Ihr unfrisierter Schopf war zu erkennen; ebenso, dass sie über einem weißen Hemd mit aufgekrempelten Armen eine rosa Haushaltsschürze trug - und vor allem, dass sie mit ein paar DINA4-großen Blättern ihr Gesicht verdeckte. Jedoch nicht ihre Augen, in denen man mit nur wenig Phantasie auch die Augen ihres Sohnes erkennen konnte, die Augen des Marc Dutroux. Was nicht zu erahnen war? Was sie wohl fühlt im Lichte all der Neuigkeiten rund um ihren Sohn.

Andererseits: Einer der Sätze, mit denen sie zitiert wurde, muss man als Mutter wohl auch erst über die Lippen bekommen. Seit 16 Jahren sitzt ihr Sohn ja nun schon hinter Gittern, verurteilt wegen der Entführung, der Misshandlung, der Ermordung von jungen Frauen und Mädchen; er wird geächtet wie sonst kein zweiter Verbrecher neben ihm. Zumindest nicht in Belgien. "Früher oder später wird er herauskommen", sagte also Frau Dutroux laut Le Soir. "Doch ich hoffe, nicht mehr auf dieser Welt zu sein, wenn dieser Tag kommen sollte."

Es war kurz nach 14 Uhr, als sie die Gewissheit haben durfte, dass es wohl noch einige Zeit dauern dürfte, ehe das Szenario, das sie gruselt, Wahrheit werden sollte. Eine Richterin verkündete im Namen eines Bewährungsgerichts in Brüssel, dass Dutroux' Antrag, eine Fußfessel tragen zu dürfen, um den Rest seiner lebenslangen Haftstrafe jenseits belgischer Gefängnismauern abzusitzen, abgelehnt worden sei.

Anders als vor zwei Wochen, als ihn Kameras aus der Ferne mit schulterlangem Haar und ungestutztem Bart eingefangen hatten, war Dutroux diesmal im Gerichtssaal nicht persönlich anwesend. Er verfolgte die Sitzung in seiner Zelle im Gefängnis von Nivelles, einem südlich von Brüssel gelegenen Ort. Auch sein Anwalt blieb der Sitzung fern. Dafür waren diesmal die Medien zugelassen, sie nahmen den Monolog der Richterin auf und zogen dann wieder von dannen. Im Gefühl der Bestätigung einer schon Tage zuvor veröffentlichten Prophezeiung. Denn dass sein Antrag abgelehnt würde, war absehbar.

Fehlende Ausbildungsbelege

Das lag allein daran, dass er die rein formalen Anforderungen für eine elektronisch überwachte Verbüßung der Reststrafe nicht erfüllt hatte. Er hätte unter anderem nachweisen müssen, dass er einer geregelten Tätigkeit nachgehen und über eine Unterkunft verfügen würde. Dutroux hatte zwar vorgetragen, im Falle einer Freilassung als selbständiger Automechaniker oder Klempner arbeiten zu wollen. Doch entsprechende Ausbildungsbelege hatte er nicht. Und auch der ominöse, 76-jährige Künstler aus Antwerpen, der von den belgischen Medien "Pierre" genannt wurde und Marc Dutroux regelmäßig im Knast besucht haben soll, zog das Angebot wieder zurück, Dutroux ein Zimmer in seiner Wohnung zu geben.

Umgekehrt war vor wenigen Tagen durchgesickert, dass sowohl die Staatsanwaltschaft wie auch der Gefängnisdirektor von Nivelles in groben Zügen zu dem gleichen Urteil gekommen waren wie Mutter Dutroux in ihrem Interview. "Marc ist auf ein Leben in Freiheit nicht vorbereitet", hatte sie gesagt. Das Risiko, dass der Mann, der in den 90er Jahren seine grauenerregendsten, aber bei weitem nicht einzigen Verbrechen begangen hatte, wieder rückfällig werden könnte, sei unabsehbar groß, befanden nun auch die Gutachter.

Weiterer Antrag im April geplant

Jean Lambrecks, dessen Tochter zu einem der vier Todesopfer von Dutroux zählte, zeigte sich nun vom Richterspruch erleichtert; er entspreche den Erwartungen und den Hoffnungen, den er und andere Hinterbliebene gehegt hatten. Lambrecks sagte auch, dass er für die Aufmerksamkeit dankbar sei, die Medien und Öffentlichkeit dem Fall Dutroux widmeten. Denn das zeige ihm, dass Dutroux weiterhin für gefährlich gehalten werde: "Das ist Balsam für unsere Herzen." Doch auch er weiß, dass das nicht heißt, dass Dutrouxs Kampf um Freiheit zu Ende wäre.

Im Gegenteil. Schon in wenigen Wochen, Ende April, wird Dutroux absehbar einen Antrag auf vorzeitige Entlassung aus der Haft stellen. Das ist ein Recht, das ihm zusteht, weil er dann ein Drittel der Strafe, die ihm 2004 auferlegt wurde, abgesessen haben wird. Als Vorbild dient ihm seine ehemalige Frau und Komplizin Michelle Martin, die erst vor wenigen Wochen in einem Konvent aufgenommen wurde und dort nach anfänglicher Empörung der Öffentlichkeit ein weitgehend unbeachtetes Leben hinter Klostermauern führt. Allerdings hatte sie, die zwei der vier Dutroux-Opfer verhungern ließ, ihre Taten öffentlich bereut.

Wie aufrichtig das auch gewesen sein mag - es ist ein Schritt, zu dem Dutroux bislang nicht fähig war. Und gemäß seiner Mutter wohl auch nie fähig sein wird. "Er hat nicht den geringsten Realitätssinn", sagt sie. Und deshalb sei sie sich sicher, dass er wieder Verbrechen begehen würde, wenn er jemals wieder in Freiheit kommen sollte.