Die österreichische Frauenministerin hat Probleme mit der Nationalhymne. Endlich sollen neben den Söhnen des Landes auch die Töchter besungen werden.

Es war am 7. September, vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Irland, da legten alle französischen Fußballspieler während der Nationalhymne die Hand aufs Herz.

Das ist schon deshalb ungewöhnlich, weil die Geste zum festen Repertoire der US-Sportler gehört, welche nachzuahmen in Frankreich normalerweise mit lebenslangem Baguette-Entzug gesühnt wird.

Möglich war das nur, weil sich ein Stimmenimitator in einem Radiosender als Staatspräsident Jacques Chirac ausgegeben und als solcher die Nationalspieler zu der vaterländischen Form des Handauflegens aufgefordert hatte.

Wenn der oberste Repräsentant des Landes die citoyens zu den Waffen ruft, wie es im Refrain der Marseillaise heißt, dann gibt es eben kein Zaudern. Dass die Fußballer auch noch den Text können, wäre zu viel verlangt: Es sind sieben Strophen, in denen reichlich Blut fließt.

Frankreich hat aber kein Problem mit seiner Hymne, wie sie auf dem Papier steht. Die österreichische Frauenministerin dagegen schon mit der ihren.

Für Maria Rauch-Kallat gehören neben die „großen Söhne“ des Landes, die besungen werden, endlich auch die großen Töchter; und das „Vaterland“ soll künftig zum neutralen „Heimatland“ mutieren. Letzterem könnten sich die Deutschen zwanglos anschließen, aber schon in der vierten Zeile ihrer Hymne wird es kitzlig mit dem Adverb „brüderlich“.

Schwesterlich? Geschwisterlich?

„Brüderlich und schwesterlich“ wäre korrekt, liegt aber nicht im Rhythmus. Im Sinne einer Aufwertung des Weiblichen rächt sich nun, dass die zweite Strophe des Deutschlandlieds offiziell nicht mehr zum Vortrag kommt.

Da standen deutsche Frauen noch gleichberechtigt neben deutscher Treue, deutschem Wein und deutschem Sang.

Großbritannien ist fein raus, weil dort wahlweise eine Königin oder ein König unter dem Schutz Gottes stehen. Geschlechtsumwandlungen verbieten sich, weil sie der Natur der Regentschaft widersprechen. Zurzeit heißt es eben: God save the Queen, und daran ist schwerlich zu rütteln.

Entsprechend heißt die spanische Nationalhymne „Königsmarsch“, welcher sich aber im weiteren jeder Umwidmung durch den Zeitgeist entzieht, weil er keinen Text hat. Also müssen die Nationalspieler nicht einmal so tun, als könnten sie mitsingen; sie können zwanglos die Beine ausschütteln und Kaugummi kauen, während ihnen der Marsch geblasen wird.

Ach, was waren das für Zeiten, als die Österreicher noch singen durften: „Gott erhalte, Franz den Kaiser, / Unsern guten Kaiser Franz!“

Dies ist nun die Zweithymne in Bayern, und nächstes Jahr, zur Fußball-Weltmeisterschaft, wird sie mächtig durch die Stadien hallen. Hand aufs Herz: Wer wollte das einem derart großen Sohn des Vaterlandes nicht brüderlich wünschen?

(SZ vom 27.9.2005)

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