Interview: Ann-Kathrin Eckardt

Nach dem Beinahe-Crash in Hamburg erklärt Flugkapitän Markus Kirschneck, Sprecher der Piloten-Vereinigung Cockpit, warum der Einfluss des Orkantiefs Emma auf den Luftverkehr am Wochenende erstaunlich gering blieb.

Flugzeug Hamburg Orkan; dpa

"Das sieht in dem Video schlimmer aus als es war", meint Flugkapitän Markus Kirschneck. (Foto: dpa)

SZ: Bis zu welchen Windstärken können Flugzeuge fliegen?

Markus Kirschneck: Starke Winde sind überhaupt kein Problem für Flugzeuge - zumindest nicht, wenn der Wind von vorne kommt. Am gefährlichsten ist der Seitwind. Hier gibt es für jedes Flugzeug genaue Maximal-Vorgaben. Erst ab einer Gesamtwindstärke von 60 Knoten, also etwa 110 Stundenkilometern, startet kein Flugzeug mehr - aber nicht, weil es nicht mehr fliegen könnte, sondern weil die Türen am Boden nicht mehr aufgemacht werden dürfen. Überhaupt ist starker Wind am Boden gefährlicher als in großen Höhen.

SZ: Warum?

Kirschneck: Weil die Luft dort keine Hindernisse hat. Am Boden beeinflussen Häuser, Wälder oder das Meer die Geschwindigkeit und die Richtung des Windes. Die Folge sind Turbulenzen.

Rahmen
Bildstrecke Orkan "Emma" über Deutschland Rahmen
Rahmen

SZ: Ist die Situation in Hamburg wegen der Nähe zum Meer besonders problematisch?

Kirschneck: Hamburg ist ein Sonderfall. Normalerweise kommt der Wind bei uns meist aus Ost oder West. Fast alle Start- und Landebahnen verlaufen deshalb in Ost-West-Richtung. Wegen der Nähe zum Wasser wechseln in Hamburg die Windrichtungen häufiger. Die Flugzeuge können hier in allen vier Himmelsrichtungen landen. Die Lufthansa-Maschine wurde erst auf die Nordost-Landebahn dirigiert. Gelandet ist sie schließlich auf der Südost-Bahn, wo die Windkonstellationen viel günstiger waren. Warum sie nicht gleich dorthin geschickt wurde, muss noch geklärt werden.

SZ: Hat der Lufthansa-Pilot denn richtig gehandelt?

Kirschneck: Ja. Für die Passagiere ist so ein Durchstartmanöver natürlich extrem dramatisch. Aber für uns Piloten ist es wie Einparken. Wir müssen zweimal im Jahr in den Simulator und üben das 50 bis 60 Mal.

SZ: Trotzdem hat eine Tragefläche den Boden touchiert ...

Kirschneck: Weil das Flugzeug zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt kurz vor dem Aufsetzen von einer Böe erfasst wurde. Bei Wind fliegen Flugzeuge ihr Ziel nämlich nicht direkt an, sondern schräg gegen den Wind. Erst im letzten Moment schwenken sie auf die Landebahn ein und neigen dem Wind eine Tragfläche zu. Wenn in diesem Moment eine starke Böe kommt, kann es zu so einer brenzligen Situation wie in Hamburg kommen. Aber das sieht in dem Video auch schlimmer aus, als es war. Das Flugzeug ist schon wieder im Einsatz.

(SZ-Primetime vom 3.3.2008/cag)

ANZEIGE

mehr ...


Themen

Weitere Artikel in Panorama

Leserkommentare (17)



05.03.2008 11:52:26

janitos: Piloten Forum

Das hört sich hier ja an, wie ein Treffen der Piloten-Veteranen Vereinigung. Wer von den Herren Vorkommentatoren fliegt täglich fünf bis acht Ziele mit einer 737 an?

Aber das früher durchgestartet hätte werden müssen, das sieht man doch auf dem Video, also bitte...

Im übrigen ist es absoulut üblich, das 24jährige innerdeutsche / -europäische Flüge fliegen (incl. Start & Landung). Die Leute sind ja auch dafür ausgebildet und habenl zu diesem Zeitpunkt schon 3-5 Jahre Flugerfahrung. Erst später steigt man auf die größeren Maschinen um. D.h. ein 32 jähriger der eine 747 fliegt hat mit diesem Typ evtl. weniger Erfahrung als ein(e) 24jähriger auf einer 737 - und nur darauf kommt es an...


Bewerten Sie diesen Kommentar




vorherige Kommentare neuere Kommentare 1 | 2 | 3 | 4 ältere Kommentare nächste Kommentare

Wir wollen die Qualität der Nutzerdiskussionen stärker moderieren. Bitte haben Sie deshalb Verständnis, dass wir die Kommentare ab 19 Uhr bis 8 Uhr des Folgetages einfrieren. In dieser Zeit können keine Kommentare geschrieben werden. Dieser "Freeze" gilt auch für Wochenenden (Freitag 19 Uhr bis Montag 8 Uhr) und für Feiertage.


Bilder aus dem Panorama
Mafia-Bosse werden verhaftet, die Menschen feiern, der nächste "Capo" steigt auf - der Kampf gegen die Mafia.
Manchmal unterbewusst, manchmal als gezielte Provokation. Gesten sagen mehr als Worte. Von Mittelfinger bis Vogel, von Wiedeking bis Ackermann.
Erinnerung an den schwulen Aufstand vor 40 Jahren: In beinahe jeder größeren Stadt in Deutschland finden jedes Jahr schwule Paraden statt.
Blutige Ermittlungen: Die mexikanische Marine findet fast eine Tonne Kokain in einer Schiffsladung mit 400 gefrorenen Hai-Körpern.
Gestrandet in "Tent City": Sie haben in den USA Haus und Hof verloren - vor Sacramento treffen sich die Verlierer der Wirtschaftskrise wieder.
Sie sind die gefährlichsten Verbrecher Deutschlands - und alle auf der Flucht:

ANZEIGE

SZ Probeabo
SV-Bilderdienst
Internetsucht
Online-Junkies haben sich aus dem realen Leben verabschiedet und existieren nur noch im Internet. In der Realität jenseits von Chaträumen, Spielen, Cybersex oder Schnäppchenjagd drohen Isolation, Depressionen und Entzugserscheinungen. Als süchtig gilt, wer sich privat mehr als 35 Stunden pro Woche im Internet bewegt. mehr...
Die SZ Junge Cinemathek
12 Lieblingsfilme zum Neu-Entdecken und Erinnern
SZ Cinemathek Dokumentarfilme
Die Welt mit anderen Augen sehen - Amerikanische Perspektiven und Klassiker des Naturfilms
Musik. Genuss. Erleben.
Jahrhundert Geiger und Klavier Kaiser - Die Standardwerke der SZ Klassik Edition.