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Tischtennis

Plastik oder Zelluloid: Zwei-Bälle-Lösung im Tischtennis

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Hannover (dpa) - Die Ära des kleinen Zelluloidballs geht nach rund 100 Jahren zu Ende. Der Tischtennis-Weltverband ITTF hat das leicht entflammbare Material Zelluloid als gesundheitsschädlich eingestuft und durch einen Plastikball ersetzt.

Die Regelung gilt seit dem 1. Juli für Spitzensportler und internationale Turniere. Auf nationaler Ebene erlaubt der Deutsche Tischtennis-Bund (DTTB) aber weiterhin auch die Spielgeräte aus Zelluloid.

Die Umstellung verlief relativ unproblematisch. Zumindest musste das deutsche Europameister-Team nicht unter den vielfach befürchteten Lieferproblemen leiden. "Uns standen ungefähr 700 Plastikbälle zur Verfügung. Damit sind wir ganz gut ausgekommen", berichtete Herren-Bundestrainer Jörg Roßkopf über die ersten Tests bei den Vorbereitungslehrgängen in Hinterzarten und Düsseldorf.

Die sportlichen Auswirkungen des Polyballs halten sich nach seiner Ansicht in Grenzen. "Natürlich ist ein Unterschied da. Der Ball fliegt einen Tick langsamer und es ist etwas weniger Spin im Spiel. Für die Spitzenspieler ist das aber kein großes Problem", urteilte Roßkopf. "Der normale Zuschauer bemerkt keinen Unterschied, und die Weltrangliste wird auch nicht total auf den Kopf gestellt."

Die beiden DTTB-Asse Timo Boll und Dimitrij Ovtcharov konnten bisher keine größeren Erfahrungen mit dem Plastikball sammeln. Sie sind seit zwei Monaten als Gastspieler in China unterwegs. Dort werden in drei Fabriken die neuen Plastikbälle für den weltweiten Verbrauch hergestellt, doch in der chinesischen Superliga wurde bis jetzt mit dem herkömmlichen Zelluloidball gespielt.

In den Playoffs soll sich das Mitte August aber ändern. Dann wollen die Chinesen sogar einen zweifarbigen Ball aus Plastik einsetzen, um die schnelle Sportart transparenter zu machen. "Ich bin sehr gespannt", erklärte Europameister Ovtcharov auf seiner Facebook-Seite und fragte seine Fans: "Kann man damit die Rotation besser erklären?"

Die Tischtennis-Bundesliga (TTBL) hat für den Ligabetrieb den Plastikball zwingend vorgeschrieben. "Daran wollen sich alle zehn Clubs halten", erklärte TTBL-Marketing-Mann Tim Hackstedt. "Wir trainieren seit drei Wochen mit den neuen Bällen. Wir haben genug, unser Ausrüster hat uns gut versorgt", berichtete Manager Sascha Greber von Ex-Meister Werder Bremen.

"In der Spitze funktioniert das, an der Basis kann es noch etwas dauern", erklärte Manager Andreas Preuß von Rekordmeister Borussia Düsseldorf zu der Beschaffungsproblematik. Der DTTB hat seinen Landesverbänden frei gestellt, mit welchen Bällen in den unteren Ligen gespielt wird. Die Zwei-Bälle-Regelung fällt nach einer Erhebung des Internat-Portals "mytischtennis.de" sehr gemischt aus.

Nur Westdeutschland und Württemberg-Hohenzollern setzen auf Plastik, andere Verbände halten an Zelluloid fest. Das kommt den Vereinen und den Ausrüsterfirmen entgegen. Sie sollen die neuen Bälle flächendeckend einführen, haben aber noch erhebliche Lagerbestände mit Zelluloidbällen. Ein finanzielles Desaster wie bei der Einführung des 40-Millimeter-Balls, der 2001 den 38-Millimeter-Ball abgelöst hatte, möchten die Unternehmen nicht noch einmal erleben.

"Damals wollten alle Vereine fast auf einen Schlag die größeren Bälle haben. Wir hatten zigtausende der alten Bälle auf Lager, die wir für zwei oder drei Cent verscherbeln mussten", sagte Wilfried Micke von der Firma Schöler+Micke. Das Ende des Zelluloidballs hält er aber für richtig. "Das ist ein Gefahrengut, das mit Container-Schiffen transportiert werden musste", sagte der frühere Düsseldorfer Spieler.