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Philosoph: «Verzicht kann man als große Befreiung empfinden»

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Stuttgart (dpa) - Viele Menschen verzichten in der Fastenzeit auf leibliche Genüsse, andere aufs Auto oder das Handy. Aus Sicht des Philosophie-Professors Philipp Hübl geht es auch um das richtige Nutzen von Zeit.

Manche Menschen verzichten in der Fastenzeit auf Gaumenfreuden. Andere wollen bewusster leben - sie lassen das Handy aus oder das Auto stehen. Philosoph Philipp Hübl von der Stuttgarter Universität beschreibt im Interview, was Verzicht mit Glück zu tun hat:

Wieso ist Verzichten aus Ihrer Sicht aktuell in einer Gesellschaft, in der schneller Konsum und Erreichbarkeit fast rund die Uhr herrschen - gerade auch in der Fastenzeit?

Hübl: In fast allen Religionen findet man das rituelle Fasten oder andere Formen von Enthaltsamkeit. Die Idee dahinter ist immer Triebkontrolle: Folge nicht deinen unmittelbaren Impulsen - Essen, Spaß, Feiern, Sex - sondern besinne dich auf dich selbst. Warenkonsum macht zwar kurzfristig euphorisch, aber langfristig unzufrieden, wie viele Studien zeigen. Diese Einsichten sind in die populären Medien gesickert und dann schnell von der Wellness- und Esoterikwelle mitgerissen worden. Allerdings hat sich der Konsum oft nur verschoben: weg von den Dingen wie Autos und Schmuck, hin zu den Erlebnissen wie Reisen oder Musikfestivals. Waren wir früher Sklaven des Warenkonsums, dann sind wir heute Sklaven des Eventkonsums.

Was sind die Gründe für freiwilligen Verzicht, welche Motive stecken dahinter?

Hübl: Besitz belastet. Zum einen, weil man sich um sein Auto oder sein Haus kümmern muss mit Reparaturen und Versicherung. Das trägt man ständig im Hinterkopf mit und verbraucht so kognitive Ressourcen. Zum andern haben Dinge einen "Aufforderungscharakter", wie in der Philosophie die Phänomenologen sagen. Ein Beispiel: Das iPhone hilft mir zwar, das nächste Restaurant zu finden, aber verführt mich auch dazu, ständig das Wetter zu checken oder meine Laufgeschwindigkeit zu messen. Verzicht kann man daher als große Befreiung von solchen stillen Aufforderungen empfinden. Die Lebensberater haben also Recht, wenn sie sagen: Leben vereinfachen, Keller ausmisten, Schreibtisch aufräumen, Kleiderschrank entleeren.

Wieso wird Verzichten - etwa auf Konsum, Genüsse, Fernsehen, Internet, Handy oder ähnliches - auch als neuer Luxus bezeichnet?

Hübl: Der Luxus liegt sicher nicht im Verzicht selbst, sondern eher umgekehrt: im richtigen Nutzen der Zeit. Unsere Lebenszeit ist unsere kostbarste Ressource, weil sie im Gegensatz zu Geld eindeutig begrenzt ist. Wenn der Film oder das Computerspiel gut waren, hat man die Zeit auch gut genutzt. Vermutlich denken wir aber öfter: Das hätte ich mir sparen können. Die Aussage "Dafür ist mir meine Zeit zu schade" ist also zutiefst existenzialistisch - auch wenn man dabei nicht den eigenen Tod vor Augen hat.

Ist bewusstes Verzichten auch was für Sie persönlich?

Hübl: Vor einiger Zeit habe ich das Auto verkauft, das ich mir mit einem meiner Brüder geteilt hatte. Das habe ich als große Befreiung empfunden. Ich fahre jetzt wieder viel mehr Fahrrad. Darauf würde ich allerdings auf keinen Fall verzichten.