Von C. Warta

Ein Marineoffizier wird von einem Güterzug überrollt und verliert beide Beine. Ein Aufseher am Ostbahnhof muss sich nun vor Gericht verantworten.

Es geschah in einer Nacht im April vergangenen Jahres, um 4.40 Uhr morgens. Am Ostbahnhof saß der DB-Regio-Angestellte Thomas B. in seiner Aufsichtskanzel auf dem Bahnsteig C zwischen Gleis fünf und sechs, als plötzlich ein Mann vor ihm stand. "Er hat gesagt, er habe den Umriss einer Person gesehen", erzählt Thomas B., dabei habe er in Richtung der Fernbahngleise gedeutet.

Bahnverkehr am Ostbahnhof: Auf den dortigen Gleisen wurde im April 2008 ein Mann überrollt. (© Foto: ddp)

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Beide Männer starrten eine Zeitlang dorthin, doch sie sahen niemanden mehr. "Ich dachte, es wäre einer der unzähligen Gleiswechsler gewesen, die den Weg abkürzen", sagt der Bahnsteigaufseher. Um 5.05 Uhr ratterte der 649 Tonnen schwere Güterzug mit der Nummer 50115 heran - und fuhr an Gleis 10 über die Unterschenkel von Jirko K., der dort wohl bewusstlos im Gleisbett lag.

Wegen der Geschehnisse in dieser Aprilnacht muss sich seit Montag der 39-jährige Thomas B. aus München vor dem Schwurgericht verantworten. Der Prozess war vom Amtsgericht dorthin verwiesen worden, weil anstelle der Verurteilung wegen schwerer Körperverletzung auch eine wegen versuchten Totschlags durch Unterlassung in Frage komme.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Bahnmitarbeiter vor, nach der Beobachtung des Mannes nicht sofort eingeschritten zu sein. "Die Bsuffenen san ja selber schuld, wenn's überfahren werden", soll B. dem Mann geantwortet haben. Aufgrund seiner beruflichen Stellung und Aufsichtsposition hätte er jedoch den Fahrdienstleiter verständigen, eine Gleissperrung veranlassen oder selbst nachschauen müssen, ob tatsächlich eine Person auf den Gleisen unterwegs sei.

Opfer des tragischen Unfalls ist der 29-jährige Marineoffizier Jirko K., der an diesem Abend in München einen Vortrag gehalten hatte und anschließend mit einem Kollegen zur Kultfabrik am Ostbahnhof aufgebrochen war. Dort verloren sich die beiden aus den Augen. K., der Rotwein und Wodka-Red-Bull getrunken hatte, machte sich auf den Rückweg und landete aus nicht nachvollziehbaren Gründen auf den Fernbahngleisen, wo er wohl stolperte und stürzte, bevor ihn der Güterzug überrollte. Im Klinikum rechts der Isar wurden ihm in derselben Nacht die Unterschenkel amputiert.

Heute trägt Jirko K. zwei Prothesen, kann seinen Beruf als Wachoffizier auf einem U-Boot nicht mehr ausüben und tut stattdessen Dienst in einer Leitstelle. Früher hat Jirko K. gerne Fußball gespielt. Heute kann er zwar wieder gehen, spürt nach längerem Stehen aber Druckschmerzen und muss sich wieder setzen. An den Unfall könne er sich nicht mehr erinnern, "das Bewusstsein war irgendwann an diesem Abend weg", sagt der Zeitsoldat.

Thomas B. arbeitete seit 2004 für die Bahn, insgesamt sechs Wochen sei er für die Abfertigung der S-Bahn-Züge am Bahnsteig ausgebildet worden. Während der dreiwöchigen Praxisausbildung mit einem erfahrenen Kollegen habe er sich den Umgang mit den "Gleiswechslern" von jenem abgeschaut: "Keiner meiner Kollegen informiert in so einem Fall den Fahrdienstleiter, das kommt hunderte Male vor." Und auch bei den halbjährlichen Prüfungen der Bahnsteigaufseher habe es in all den Jahren nicht eine einzige Frage zu diesem Thema gegeben.

Kurz vor dem Unfall am Ostbahnhof habe B. sogar eine Belobigung bekommen, weil er eines Nachts am Marienplatz verhinderte, dass ein Betrunkener im Gleisbett von einem Zug überrollt wurde. Der Vorfall am Ostbahnhof hat B. zugesetzt, seine Lebensgefährtin hat ihn verlassen, er leidet an Diabetes.

An den Satz mit den "Bsuffenen" kann er sich nicht wortwörtlich erinnern. "Ich wollte niemandem Schaden zufügen. Der Satz war einfach die Quintessenz der vergangenen Jahre", erklärt er. Gerade am Ostbahnhof komme es öfter zu Problemen mit alkoholisierten Besuchern der Kultfabrik. Der Prozess wird fortgesetzt.

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(SZ vom 01.12.2009/sonn)